Ali und ich

Comic-Cover „Superman gegen Muhammad Ali“, EHAPA-Verlag, © DC-Comics 1978

Ich habe Muhammad Ali nicht persönlich gekannt. Von den vielen Meldungen prominenter Verstorbener in diesem Jahr hat mich die Meldung über den Tod des „Größten“ am meisten bewegt. Dabei bin ich nicht einmal Boxfan. Aber den Rumble in the Jungle im Oktober 1974 habe ich trotzdem geguckt. Es gab in meiner Kindheit und Jugend lediglich zwei Ereignisse, bei denen jede Fernsehbegrenzung aufgehoben, selbst Schlafenszeiten ausgesetzt waren. Das eine war die Mondlandung im Juli 1969, die ich auf dem grünen Sofa meiner Großmutter in Salzburg verfolgte. Das andere war Alis Kampf gegen George Foreman in Kinshasa am 30. Oktober 1974 – um 4.00 Uhr in der Früh, damit die Amis ihn zur besten Sendezeit serviert bekamen; bei uns war es, glaube ich, 5 Uhr.

Aufrecht

Als David Bowie gestorben ist habe ich weniger an Bowie gedacht, nicht an seine Musik – von der ich in etwa soviel Ahnung habe wie vom Boxen – nicht an seine Bedeutung für die Welt der Kunst. Ich habe an meine Pubertät gedacht. Bowie war der Soundtrack meiner ersten Liebesgeschichten. Darüberhinaus war er nicht greifbar, inszenierte sich als Kunstfigur, hatte zwei unterschiedliche Augenfarben, das war eher, wie meine geliebten Filme: echt, aber eben künstlich echt.

Denke ich an Muhammad Ali, denke ich an den erzieherischen Effekt, den dieser Mann für mich hatte. Muhammad Ali war echt. Er machte große Sprüche, erklärte sich zum Größten Boxer aller Zeiten und bewies anschließend, dass er Recht hatte. Ali überwand in Kinshasa sogar die eherne They-never-come-back-Regel, als er Foreman auf die Bretter schickte.

Muhammad Ali erklärt Boxtechniken in dem Comic „Superman gegen Muhammad Ali“, EHAPA-Verlag, © DC-Comics 1978

Ich verstand nichts vom Boxen. Aber mit 13 Jahren war ich alt genug, die Dramatik zu verstehen. Ali hatte den USA den Wehrdienst verweigert – wie, wo, was genau, habe ich damals nicht so richtig verstanden, aber Ali hatte seine Weigerung, in den Vietnamkrieg zu ziehen, unter anderem damit begründet, dass ihn noch kein Vietcong „Nigger“ geschimpft habe, warum also solle er diese Menschen bekämpfen – noch dazu im Namen eines Landes, das seine Vorväter versklavt und ihn – eben – „Nigger“ geschimpft hatte.

Der Größte kämpfte sogar gegen Superman

Er verlor alle seine Titel und durfte mehrere Jahre nicht boxen; die USA hatten ihn mit einem Berufsverbot belegt. Dann hatte er auch noch seinen Geburtsnamen abgelegt, den er „meinen Sklavennamen“ nannte. Und dann, als das Berufsverbot Jahre später aufgehoben wurde, fliegt er nach Kinshasa, haut George Foreman um und ist wieder da, wieder der Größte. Muhammad Ali hat Haltung gezeigt, hat sich keinem Diktum gebeugt, ist nicht eingeknickt. Für einen 13-jährigen Jungen ist das unfassbar groß.

Für einen 55-jährigen Privatier ist das angesichts der Sprechpuppen, die heute den Sport beherrschen, immer noch groß. Ali war ja nicht einfach nur ein gut unterhaltender Botschafter seines Sports, so wie heute vielleicht Thomas Müller, wenn der nach einem Spiel erfreulich keine Stanze absondert, sondern mit bösem Witz eigene Fehler analysiert. Ali war Ali, ein Gesamtkunstwerk, bei dem alles ineinander spielte – ein ausgeprägtes Ego, eine witzige, kluge Sprache, eine klare Haltung, dazu gutes Aussehen, Fröhlichkeit und eine interessante Technik, die ich erst Jahre später ein wenig verstand, als der DC-Comicverlag 1978 auf die verwegene Idee kam, seinen unbesiegbaren Vorzeigehelden Superman gegen den größten Boxer aller Zeiten antreten zu lassen und sich dabei – der Ring steht im Licht einer die Superkräfte neutralisierenden Roten Sonne – natürlich ein paar Beulen holt. In der Story („Superman gegen Muhammad Ali“, Ehapa Verlag © DC-Comics 1978 Story: Denny O’Neal, Text und Zeichnungen: Neal Adams + Dick Giordano) gibt Ali ausführlich Technik-Tipps mit Fachbegriffen (Foto), die sich, locker in Partygespräche eingestreut, eigneten, den Bescheidwisser zu mimen.

Früher war alles besser sagt sich so einfach und stimmt ja auch nie. Aber manche Menschen waren besser. Muhammad Ali gehörte zu den Besten. Ein Vorbild ist abgetreten.

Schlussbild aus dem Comic „Superman gegen Muhammad Ali“, EHAPA-Verlag, © DC-Comics 1978

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