Geisterstadt

An Jom Kippur gehört die Stadt den Fußgängern

Und wenn dann plötzlich Motorengeräusch zu hören ist. Wenn die Telavivians, die eben noch in den Sonnenuntergang am Strand vertieft waren, sich unterhalten haben, beim Beachball neue Kontakte geknüpft haben, sich plötzlich, Zombie-gleich gen Küstenstraße wenden, wo flackerndes Neon vom Neustart des Restaurants, des Imbiss, des Supermarktes kündet – dann ist Jom Kippur vorbei. 28 Stunden Stillstand räkeln sich, dehnen sich. 28 Stunden, in denen einfach Ruhe herrschte.

Ja, wer akut lebensgefährdet ist, wird behandelt. Wer in Not ist, hat in der Polizei seinen Ansprechpartner. Und drückte irgendein Araber auf einen Roten Knopf, wäre Benjamin Netanjahu in der Lage, den Verteidigungsfall auszurufen. Darüber hinaus herrscht Stille.

Tel Aviv mit seinen knapp 500.000 Einwohnern wirkt wie eine Stadt in einem Virus-Thriller (und ich schätze, jede andere Stadt in Israel gerade auch). Leer, tot, fremd. Dann fällt mir, wie Frühlingsknospen, das neue Leben auf, das hier stattfindet: Fahrradfahrer. Papa bringt seinen Halbwüchsigen auf der sechsspurigen Hauptverkehrsader am Mittwochnachmittag das korrekte Verhalten bei grün blinkender Ampel (eine Art frühes Gelb-Stadium) bei. Kleinkinder toben sich auf dem Asphalt mit Stützrädern gegen die Fahrtrichtung aus und niemand greift ein. In Tel Aviv, einer modernen Metropole mit mehr Cafés als Einwohnern und mehr Museen als Touristen, hört man einen Tag lang nur den Wind, der durch die verkehrsfreien Straßen bläst; manchmal hört man die Brandung des Meeres. Hier und da bellt ein Hund. Plötzlich denke ich, das wirkt, wie das vorindustrielle Paradies. Ich brauche etwa drei Stunden, bis ich nicht mehr ängstlich um mich blicke, bevor ich einen markierten Radweg oder gar eine Fahrbahn betrete; es kommt niemand. Autos fahren nicht. So muss der autofreie Sonntag in Deutschland Anfang der Siebziger Jahre gewesen sein. Dazu: Geschäfte zu. Restaurants zu. Schienenverkehr steht. Luftverkehr am Boden. Ist das verwegen? Oder einfach bescheuert? Kann ein modernes Land wie Israel sich das leisten, einfach einen Tag die Bürgersteige hochzuklappen?

Jom Kippur, das jüdische Friedensfest – für den gemeinen Mitteleuropäer wirkt das wie Karfreitag und erster Weihnachtstag gleichzeitig. In Tel Aviv tragen viele Bürger Weiß. Ein Paar, das mir Händchen haltend entgegen kommt, erklärt mir, Jom Kippur sei das Fest des Neustarts, eine Art Reset nach einem Jahr der Beschwernisse und Hürden; die weiße Kleidung symbolisiere diesen Neustart. „Im allgemeinen sitzen wir zuhause und schauen Filme“, hatte mir ein Israeli erzählt. Oder man sitzt, sofern man in Tel Aviv wohnt, am sehr langen Strand. Hunger und Durst sind kein Thema: Natürlich haben sich die Menschen in den Tagen vorher eingedeckt mit allem, was man so braucht, wenn die Läden dicht sind.

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Touristen sind schlechter dran – auf dem Hotelzimmer kochen ist ähnlich unrealistisch, wie, sich den ganzen Tag von Chips, Cola und einen Tag alten Schoko-Croissants oder Pita aus dem nächsten am:pm-Supermarkt zu ernähren. Uns bleibt Jaffa, oder Yaffo, jener Teil im Süden Tel Avivs, wo die Araber unter sich bleiben, die mit dem Friedensfest der Juden nichts am Hut haben. Hier, wo einst der Apostel Petrus seine Vision zur christlichen Missionierung hatte, haben sogar an Jom Kippur Mini-Märkte, Eiscafés und Imbisse geöffnet.

Der Tag tröpfelt vor sich hin – schön, auf nichts aufpassen zu müssen, wenn einem die ganze Stadtfläche zur Verfügung steht – und endet am Strand. Sie spielen Ball. Sie trinken Flaschenbier. Sie küssen sich. Sie joggen. Sie reden, machen Yoga, trommeln, machen mich neidisch auf dieses Volk, das am Meer lebt (dabei lebe ich am Rhein, was schon schwer zu überbieten ist). Als die Sonne untergeht und langsam flackernd die Neons der Imbisse, Restaurants, Hotels und Mini-Märkte hinter dem Strand erwachen, bewegen sie sich wie Zombies in Richtung reales Leben. Morgen tobt hier wieder das Tempo.

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