Breakdown

Mietwagen mit Getriebeschaden an der Autobahn 2 zwischen Caesarea und Tel Aviv

Und plötzlich bist Du raus. Der Moment, in dem Deine Alltagsroutine Makulatur wird und Du Dich in unerforschtem Terrain befindest, ist nicht zufällig favorite plot großer Horror-Autoren wie Stephen King oder John Carpenter. Ich hatte meinen Moment, in dem das dünne Bändchen zur eingebildeten Sicherheit riss, bei windstillen 33 Grad, 45 Kilometer vor Tel Aviv (das jedenfalls sagte mein Navi, das, wie ich an dieser Stelle wohl erwähnen sollte, sich bisweilen schlechter im links-rechts-geradeaus-Straßenverkehr israelischer Städte auskennt, als ich) auf der Autobahn 2 zwischen Caesarea und Tel Aviv. Der Motor jault auf, Gangknüppel und Getriebe finden nicht mehr zueinander; als Laie würde ich sagen, mein Chevrolet dreht durch. Unangenehm. Aber in der heutigen Zeit eher ein Problem, das Deine Handykosten belastet, weil Du ja nun – im Ausland – Hotlines anrufen musst.

In dieser Geschichte geht es um einen Mietwagen der Firma SIXT, es geht um deren Hotline und um deren Service. Aber SIXT kann nichts dafür – originär. An diesem speziellen Tag geht es um das System insgesamt – es hätte auch einen Hertz- oder einen Avis- oder einen Sonstwie-Rental-Wagen treffen können. Denn größer als das Einzelschicksal des Mietwagenfahrers ist … JOM KIPPUR! The Day, everything stands still!!! Jom Kippur ist morgen. Aber natürlich darf ich Jom Kippur‘s Eve nicht außer acht lassen, den Tag vor Jom Kippur. Gegen 14 Uhr, spätestens ab 17 Uhr werden für jenen Tag am Tag davor alle Bürgersteige hochgeklappt, Hotlines abgeschaltet, der Flugverkehr eingestellt, Züge fahren nicht mehr und natürlich auch keine Taxis. Just in diesem Moment drehte mein Motor durch. Der Wagen war nicht mehr zu gebrauchen. Ich bin über 50. Ich sollte erfahren genug sein, nicht in Panik geraten, cool bleiben, die Situation irgendwie meistern; dass ich nun hier schreibe, zeigt, dass ich wieder angekommen bin.

Wenn ich den Motor ausschalte, gibt‘s keine Klimaanlage. Wenn es keine Klimaanlage gibt, beginne ich in zwei Minuten zu zerfließen. Also: Motor laufen lassen, in solchen Momenten bin ich mir selbst näher als eine durch irgendwelche in die Umwelt geblasenen Abgase belastete Atmosphäre; in diesem Land lässt jeder dauernd seinen Motor laufen, also was soll‘s. Die SIXT-24/7-Emergency-Call-Number fordert mich auf, „in case of emergency“ die ‘2‘ zu wählen und dann, „if You want english“, die ‘1‘ zu wählen. Nachdem ich die ‘1‘ für english gewählt habe, höre ich minutenlang fremde Laute – womöglich hebräisch … ich meine, russisch erkennen zu können. So oder so: Ich verstehe kein Wort, während ich da am Rand der Autobahn in meinem Kleinwagen sitze, an dem die anderen Verkehrsteilnehmer mit hundert Sachen vorbei rasen. Habe ich falsch getippt? Nochmal das Ganze. Der Vorgang wiederholt sich mehrfach, so oft immerhin, dass ich die Jingle-Schleife mit dem Shlomo Sixt Song noch abends nach dem dritten Bier vor mich hin summe.

Irgendwann – vielleicht, weil ich über 50 bin, aber vielleicht auch nur, weil ich keine Alternative mehr kenne; mein lonely planet liefert mir nur Telefonnummern, die jetzt auch in Feiertagsschlaf verfallen, der möglicherweise noch funktionierenden Notrufnummer der hiesigen Polizei auf englisch zu erklären, was mir widerfahren ist, schiebe ich auf die ganz lange Bank und die Recherche im Internet führt mich bei langsamer Verbindung auf Sites mit hebräischen Schriftzeichen – habe ich die Warteschleife mit dem Shlomo-Sixt-Jingle einfach laufen lassen. Und siehe: Ich wurde erhört. Nach einer gefühlten Ewigkeit, also etwa fünf Minuten, war plötzlich eine Stimme am anderen Ende, deren Englisch noch gebrochener war, als meines; sie hatte einen russischen Migrationshintergrund – in Israel reisen derzeit sehr viele Russen umher, Schilder, Service-Kräfte, Hotelmitarbeiter und offensichtlich auch Hotlines sind ganz auf die spezielle Klientel ausgerichtet – und erklärte, dass wegen des morgigen Jom Kippur kaum jemand da sei, an einen Ersatzwagen gar nicht zu denken sei und sie diese Hotline auch in zwanzig Minuten werde abschalten müssen, I‘m terribly sorry. „Ich stehe also mit einem SIXT-Car in the Middle of Nowhere bei 33 Grad ohne Schatten und bei SIXT kann mir bis übermorgen niemand helfen?”, radebrechte ich in Englisch – in solchen Momenten merkt man, wie wenig einem das Schulenglisch weiter hilft, wenn es um „Getriebe“, „Gangschaltung“, „Gangknüppel“ oder sonstige Feinheiten im Automietvertrag geht. Das sei nicht ganz richtig, beruhigte mich die russischstämmige Dame am anderen Ende, ab 21 Uhr morgen Abend wäre die Hotline wieder voll einsatzfähig.

Ich musste also nur die Zeit zwischen jetzt, 14.30 Uhr und morgen Abend, 21 Uhr überbrücken. Ich musste – mein Auto immerhin nicht. In der Zentrale von SIXT, die aufgrund des kommenden Friedensfestes der Juden in zwanzig Minuten komplett abschalten würde, hatten sie, nachdem sie meine Position verifiziert hatten, einen Abschleppwagen bestellt, der „in the next hour“ da sein sollte. Ein Taxi, dass mich für etwa 350 Schekel (ca. 80 €uro), von denen SIXT maximal, I‘m terribly sorry, 200 Schekel (46 €uro) übernehmen würde, in mein Hotel bringen würde, sei ebenfalls bestellt; ich solle nur UNBEDINGT den Abschleppwagen abwarten, bevor ich ein Taxi besteige.

33 Grad. Kein Wind. Kein Schatten. Am Rand der Autobahn, auf der sich die Feiertagsruhe-Finder Wettrennen liefern. Der Seitenstreifen ist nur wenig breiter, als mein Kleinwagen. Der Abschleppwagen kommt, zieht meinen Chevie auf die Rampe. Der Fahrer will unbedingt meinen Namen wissen, bevor er mich mit – ich bilde mir ein – bedauerndem Gesichtsausdruck allein zurück lässt. Jetzt stehe ich in der prallen Sonne allein am Seitenstreifen einer Autobahn – und warte auf ein Taxi; wissend, dass sich eigentlich gerade alles hier in diesem Land zur Ruhe bettet. Bis morgen Abend.

Als ich heute morgen los zog, hatte ich die langen Beine meiner Cargohose im Hotel gelassen. Jetzt brannte die heiße Nachmittagssonne auf meine nackten Waden. Ich konnte sie nicht aus der Sonne drehen an diesem Platz ohne Schatten; ich musste am Rand der Autobahn jederzeit die Autos im Blick haben, die auf mich zukamen; unter diesen musste ja mein Taxi sein. Es fuhren viele Taxis an mir vorbei, bei 20 verhaspelte ich mich und hörte dann auf zu zählen und begann darüber nachzudenken, die 45 Kilometer zu Fuß zu bewältigen – eine etwas überzogene Marathonstrecke zu Fuß, das klang idiotisch, aber machbar. Während der vielen Warterei hatte ich einen Facebook-Post abgesetzt und der zeitigte ganz eigene Früchte. Zwei meiner fb-Freunde konnten mir Lösungswege aufzeigen – „ich kenne da einen in Jerusalem, der ist Moslem, der sagt, auch an Jom Kippur geht immer was“ / „ich könnte israelische Freunde um Rat fragen“ – ich war also nicht allein und dachte plötzlich, was für geile Möglichkeiten sich für die digital natives auftun (also die Generation 1985-plus), die gewohnheitsmäßig einfach besser vernetzt sind; ich hatte zwei hilfreiche Kontakte. Wie viele Kontakte würden meine Nichten und Neffen in so einer Situation anzapfen können.

Das avisierte Taxi lässt auf sich warten. Meine Waden brennen in der Sonne. Was soll ich tun? 45 Kilometer zu Fuß gehen? Okay, wenn ich die Strecke rudern und die halbe Strecke laufen kann, müsste das mit meinem Rucksack, gehend, bei 33 Grad, auch irgendwie gehen. Aber wäre es nicht so, dass, kaum, dass ich losgegangen wäre, jenes Taxi vorbeifahren würde, dass mich nicht mehr als Autobrüchigen erkennt, weil ich nicht da stehe, wo SIXT mich beschrieben hat? Seit der Abschleppwagen mir meinen letzten Kontakt zur Autovermietung abgeschleppt hat, sind 40 Minuten vergangen, in denen ich am Straßenrand der Autobahn stehe und zunehmend sehnsüchtig den Autos nachschaue, die Richtung Tel Aviv rasen. Kein Taxi. Nach meinem Gefühl müsste das längst da sein; wahrscheinlich hat der Fahrer nach einem herrenlosen Auto am Fahrbahnrand Ausschau gehalten und den einsamen Mann am Straßenrand übersehen.

Und dann tue ich etwas, was nach deutschen Maßstäben einfach albern ist: Ich sehe – am Rande der Autobahn stehend – in der Ferne ein Auto auf mich zukommen mit – wahrscheinlich (meine Weitsicht lässt sehr zu wünschen übrig) – Taxischild auf dem Dach. Zögerlich hebe ich meine Hand, kratze mich lieber noch mal am Hinterkopf (wie albern ist das das denn, an einer belebten Autobahn nach einem Taxi zu winken?), aber – ach was soll’‘s – dann winke ich. Das Taxi hält. Nimmt mich mit. Nach Tel Aviv. Der Fahrer will 400 Schekel. Ich handele 200 aus.

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