Sperrt die Alten weg!

Brexit (Symbolbild)

Vor einem Jahr haben alle darüber nachgedacht, wie man die Pleite-Griechen aus der EU werfen könnte, ohne sich die diplomatischen Finger schmutzig zu machen. Das Wort vom #Grexit machte die Runde. Ein Jahr später sind die Griechen immer noch in der EU. Statt dessen ist das United Kingdom draußen, freiwillig. Gut so!

Mit Großbritannien verlässt der stärkste Spaltpilz der Union die EU. Ein Land, das mitmachen wollte, um sich Einfluss zu sichern, aber, bitteschön, sonst nichts mit den Kontinentalen zu tun haben wollte. Es gab dafür aus historischer Sicht gute Gründe. England und später UK waren schon demokratisch, als der Kontinent noch von feudalen Kriegen beherrscht wurde. Warum also sollten die Briten Rechte und Gesetze von Institutionen akzeptieren, die sie nicht selbst unter voller Kontrolle haben? Die EU gewährte also Sonderrabatte, speziell für UK gezimmerte Arbeitsplatzschutzregelungen und beim Euro machte man auch nicht mit. Mit seiner Wasch-mir-den-Pelz-aber-mach-mich-nicht-nass-Politik eignete sich Großbritannien als Blaupause für jene Pseudodemokratien, die in den vergangenen 15 Jahren zur EU gestoßen sind und die Gemeinschaft mit einer Subventionierungsmaschine verwechseln, die zu geben hat, sich aber gefälligst nicht in innere Angelegenheiten mischen soll.

Jetzt werden wir uns alle erklären müssen

Es ist gut, dass UK geht. Gut, weil jetzt entweder definiert werden wird, was wir von und mit der EU eigentlich erreichen wollen, oder, dass eine verlogene, Milliarden verschlingende Phrasendreschmaschine implodiert. „Nie wieder Krieg“ ist schön und gut, aber so wie es ausschaut, haben wir den Krieg nur in andere Länder exportiert – jetzt kommt er in Form von Terror zu uns zurück. „Wohlstand für alle?“ Toll! Aber wer sind diese Alle?
Der durchschnittliche Angestellte, dessen Reallohn über die vergangenen 30 Jahre gesunken ist und dem jetzt die Zinsen von der Alterssicherung genommen werden, gehört da wohl nicht dazu.
Ist es der Fischer, dem die EU-Fangquoten einen Strich durchs Leben machen, weil die industriellen Großfischer die Beute abfischen?
Ist es der Stahlarbeiter, der seinen Job verlor, als sein Arbeitgeber ohne bürokratische Hemmnisse in die Ost-EU-Länder wanderte, weil die Löhne da viel niedriger sind?
Ist es die deutsche Wirtschaft, die boomt, die durch steigende Exporte neue Arbeitsplätze schafft und damit den Menschen Lohn und Brot bringt – aber nur gering bezahlt und befristet, weil die nächste Flaute ja bestimmt kommt?

Man weiß es nicht. Statt dessen nun allseitiges Bedauern, Angst vor Nachahmern; schon starren alle auf den Front National, UKIP, Geert Wilders, die AfD und all die anderen Kaputtniks, die zwar auch keine Antwort haben, aber wenigstens mit nacktem Finger Schuldige ausmachen und damit die Protestwähler mobilisieren. Und prompt zeigen die selbsternannten gebildeten Stände dann ihrerseits mit dem nackten Finger auf die Protestwähler, machen sich lustig, sprechen ihnen die Intelligenz und den Weitblick ab, weil sie sich von Populisten haben übertölpeln lassen. Die Flut der Häme gegen die 51,9 Prozent Brexit-Befürworter, die die sozialen Netzwerke überschwemmt, ist bösartig. Menschen, die keinen ganzen Satz sprechen können, werden da vorgeführt, während sie erklären sollen, warum sie „Leave“ angekreuzt haben. Der britische Fischer wurde nicht gefragt. Der arbeitslose Stahlarbeiter wurde nicht gefragt. Der Rentner, der das Zinsen schwinden nicht demokratisch abwählen kann, wurde nicht gefragt. Denn die alle hätten sich ja vorher umfassend informieren können – die Zahl multimedialer „What happens, if …“-Erklärbären war schließlich Legion und wenn die schon arbeitslos sind, könnten die ja wenigstens Zeitung lesen.
Da steht dann nur halt nirgends, wie sie wieder einen Job bekommen.

Schon klar: Die EU kann sich nicht um jeden bedauerlichen Einzelfall kümmern, wo es doch ums Große und Ganze geht. Und auf die EZB hat sie doch gar keinen Einfluss – haben wir Wähler so gewollt. Außerdem schmeiße ich hier doch fröhlich Äpfel und Birnen in einen Obstkorb – europäische Äpfel und europäische Birnen in einen Brüsseler Korb. Moment: Was war noch gleich das Große und Ganze hinter der EU?

Ein „Fuck You, Great Britain“ wäre doch wohl angemessen. Statt dessen …

Sollen die ausgefischten Fischer, die arbeitslosen Griechen, denen der Euro jede Perspektive geraubt hat, die kleinen deutschen Angestellten, denen die EZB ihren letzten Sparzins raubt, also jetzt jene Brüsselaner wählen, die die große gemeinsame Idee auf dem Altar nationaler Egoismen geopfert haben (mit unserer, des egoistischen Wählers Hilfe) und die also lieber über die sprichwörtliche Gurkenkrümmung und das Olivenöl in der Pizzeria bestimmen. Wenn ich nicht dieses bildungsbürgerliche Rattenfänger-wählt-man-nicht eingehämmert bekommen hätte, würde ich diese Rattenfänger aus Zorn und Protest schon auch mal wählen – nur, um die da oben aufzuwecken, nicht, weil ich etwa keine Ausländer möchte oder gar, weil ich Armut litte, einfach nur, um zu signalisieren REGIERUNGEN!! AUFWACHEN!!! Und mit einer Stimme für die Autofahrerpartei würde ich halt weniger erreichen, als mit einer für die AfD.

Ich lese nämlich Zeitung, manchmal sogar zeitraubende, multimediale Erklärbären. Und da lese ich dann auch, dass Berlin und Brüssel und Paris und Madrid und Rom eben nicht aufwachen. Die Briten verlassen die EU. Ein diplomatisch fröhlich verklausuliertes „Fuck You!“ seitens der deutschen Bundeskanzlerin wäre angesichts der historischen Dimension dieses Arschtritts doch wohl mal drin gewesen. Statt dessen fiel Angela Merkel zum Brexit die bemerkenswerte Erkenntnis ein, „der heutige Tag ist ein Einschnitt für Europa“. Das klingt nach echter Leidenschaft für das Friedensprojekt. Ihr Koalitionspartner Sigmar Gabriel formulierte boulevardtauglich, dass man die Menschen in der Union allein durch Sparen auch nicht glücklicher mache, was dann wohl heißt, dass man die zweifelnden EU-Bürger halt mit Geschenken wieder wird einsammeln müssen. Keine Vision, keine Idee nirgends. Schnelles Geld statt weitsichtige Politik. Man fahre auf Sicht, schreiben wohlwollende Kommentatoren. Warum man noch fährt, weiß keiner mehr – aber wo doch die Grenzen offen sind.

Die bösen Alten sind es schuld

Die europäische Schockstarre beginnt aber bereits, sich zu lösen. Die Spin Doctors haben die Schuldigen ausgemacht: die Alten. Wahlforscher haben Statistiken zusammengestellt, wonach es die Alten waren, jenseits der 50, die mehrheitlich den Ausstiegsbutton gedrückt haben – Begründung: Die Alten sehnten sich nach der Great-Britain-Glorie ihrer Kindheitstage zurück, als wären diese Alten ausnahmslos nationalistisch sabbernde Säbelrassler, die die Sklaverei zurückhaben wollen und der Jugend, von der es zahlenmäßig zu wenige gibt, jetzt die Zukunft verbaut haben. Schon bei Hänsel und Gretel war es ja die Alte, die die Jugend gefressen hat.

So isses also: Es gibt kein europäisches Rechtfertigungsproblem. Europa ist Friede! Wohlstand für Alle!! Und Freies Reisen für Alle!!! Es geht uns gut! Und wenn es einem mal nicht gut geht, findet sich ein soziales EU-Programm, das ihn am unterernährten Wegsterben hindert. Und die Kaputtniks mit ihren Zeigefingern kriegen wir auch noch unter Kontrolle. Zum Beispiel, indem wir den Alten, die solche Kaputtnicks gerne wählen, ihr Wahlrecht beschneiden. Die haben ihr Scherflein zur Welt doch beigetragen, die müssen doch nicht bei Dingen gefragt werden, die sie ohnehin nicht mehr betreffen.

Gut, dass Großbritannien uns mal zeigt, wie europäische Werte funktionieren.

3 Gedanken zu „Sperrt die Alten weg!

  1. „Generationenhetze“ … ja, ’ne Nummer kleiner gehts nicht, ne?
    Hauptsache auf jedes dämliche Twitterbuzzword draufspringen für 7 clicks mehr.

  2. Nun habe ich gerade gelesen, dass gerade viele junge Leute überhaupt nicht wählen waren. Sehr sorglos, sehr nachlässig, sehr dämlich.

    Bisweilen frage ich mich ernsthaft, inwiefern unsere Kanzlerin das Breit-Ergebnis mitzuverantworten hat, mal abgesehen, von der teils miesen, lügnerischen britischen Presse in punkto EU-Politik.

    1. Es soll auch jene geben, die mit Schließung der Wahllokale erst gegoogelt haben, was es mit diesem Brexit denn so auf sich habe.
      Wir Erstweltler leben unbekümmert unter Volldampf in den überversorgtenTag hinein und wenn wir gegen die Wand krachen, wird schon einer die Schuld dafür kriegen, nicht rechtzeitig aufgeklärt zu haben, was es mit so einer Wand auf sich hat.
      Ist es nicht geil, Teil der Krone der Schöpfung zu sein?

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