Die Idylle macht krank

Ein Gullydeckel in Krün ist verschweißt

Ja, ich kann das Wort auch nicht mehr hören: Idylle. Wir Journalisten, die wir als Berufskrankheit den Zynismus mit uns herumschleppen, empfinden Idylle als NonPlusUltra des Unerreichbaren. Deshalb setzen wir sie so gerne als Kontrastmittel ein, als größtmögliche Fallhöhe – „Boah diese Idylle, wie schön“, „Boah diese Spitzenpolitiker, guck, wie die diese Idylle zerstören“ – wenn wir sonst schon nicht wissen, was die Politiker eigentlich hier wollen und, schlimmer, was wir eigentlich dauernd über sie berichten sollen. Also berichten wir über die Idylle, aktuell die Idylle von Krün.

Und ich mittendrin … oh, es ist nicht so, dass ich gegen diesen Virus der idyllischen Fallhöhe gefeit wäre – ich rede nur klug daher. Ich habe heute die Idylle und deren Zerstörung zum Thema meines Videos gemacht – Gullydeckel werden verplombt, Absperrungen aufgestellt, Ausweise kontrolliert – ich habe also erzählt, was in den vergangenen zwei Wochen schon gefühlt Fantastilliarden von Reportern mit anderen Farben von anderen Orten erzählt haben.
Und das Einzige, was mich persönlich, als ich Feierabend hatte, über den Tag hinaus umgetrieben hat, waren weder Gullydeckel noch Absperrung noch Ausweiskontrolle. Es ist dieser arme Bürgermeister von Krün, Thomas Schwarzenberger, der von der Weltpolitik behandelt wird, als sei er Dreck – und nicht der gewählte oberste Vertreter seiner Bürger.

Thomas Schwarzenberger, Bürgermeister von Krün

Der Bürgermeister, der ein Gastgeschenk für Barack Obama hat, dessen Besuch den 1.900 Einwohnern von Krün ein hohes Maß an Toleranz abfordert und dessen Platz in einem gefakten Biergarten, wo er an dem gereichten Bier wahrscheinlich nicht einmal nippen wird, während er mit Angela Merkel in die Kameras der Welt strahlt, den Steuerzahler – auch den in Krün – trotzdem Millionen kosten wird; aber dieser Barack Obama hält es für nicht angemessen, dass der Bürgermeister dieser gebeutelten Gemeinde ihm, dem Mächtigsten Mann der Welt, ein Gastgeschenk überreicht – „das ist nicht so gern gesehen“, sagt der Bürgermeister, der den US-Präsidenten offenbar mit seinem legendären Landesvater Ludwig II. verwechselt. Natürlich entscheidet so Gastgeschenkegedöns der Mächtigste Mann der Welt nicht selbst, aber die Berater, die das festgelegt haben – aus Gründen der Nationalen Sicherheit wahrscheinlich – gehören, ganz unidyllisch, gefeuert.

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