Das Kino führt die Werbepause ein

Das CineStar-Kino in Mainz

Die Kinobranche leidet. Wenn man ganz genau hinhört, ist am Horizont schon das Bim Bim Bim des Totenglöckchens zu vernehmen. Die armen Kinos: Die Filme werden immer platter. Die Kinos, die Filme zeigen, die nicht platt sind, tun das in Räumen mit winziger Leinwand, in denen ich den Betrieb im Dönerladen nebenan mitverfolgen kann. Die Leute downloaden sich den aktuellen Film lieber und gucken daheim auf dem großen Plasma in Dolby Surround – wozu ins Kino, wo’s teuer ist und die Leute ununterbrochen im Popcorn rascheln? Ja, die Branche hat es schwer, die Besucherzahlen sind rückläufig; heute wird es als Erfolg verkauft, wenn der Rücklauf mal weniger steil ausfällt.

Die Branche erträgt diesen Schmerz nicht mehr und bringt sich daher gerade um. Das CineStar in Mainz ist jetzt dazu übergegangen, Filmen eine Pause zu verpassen, die eine Lauflänge von 130 Minuten überschreiten. Die Pause dauert 20 Minuten, in denen der Betreiber hofft, den Popcornumsatz anzukurbeln – mit Popcorn machen sie den höchsten Gewinn. Und am Ende des Films setzen sie in den Abspann einen Werbespot – in diesem Fall einen Clip zum neuen X-Men-Film. So gesehen heute in „The Amazing Spider-Man 2“ (hier meine Besprechung zum Film). Die Kinokarte kostet aber trotzdem 13,50 Euro.

Im Kino erklärte man mir, dies seien „Vorgaben des Verleihs. Da sind wir leider machtlos!“ Da kann man sich schon verarscht vorkommen: Erst wirst Du im einzigen Haus am Platze behandelt wie ein Stück Vieh, das schon fressen wird, was man ihm vorsetzt – Leinwände mit Löchern drin, nicht lotrechte Projektionen, alte, verruste Kolben im Projektor, die das Bild auf der Leinwand abdunkeln – und jetzt die Gepflogenheiten RTL, Sat 1 und Pro-7 imitierend.
Vorgaben des Verleihs …

  • Warum kann der Verleih ein Kino zwingen, Pausen zu machen? Pausen verlängern die Vorstellung, das führt dazu, dass die Kinos weniger Vorstellungen pro Tag anbieten können – aus diesem Grund war einst der Überlängenzuschlag eingeführt worden. Weniger Vorstellungen können nicht im Sinne des Filmverleihs sein.
  • Welches Interesse sollte der Verleih für solche Vorgaben haben. Ist er mittlerweile am Popcorn-Umsatz beteiligt?
  • Welches Interesse hat die Sony/Columbia (das „Spider-Man“-Studio), Werbung für den Superheldenfilm eines Konkurrenzunternehmens („X-Men“ von 20th Century Fox) in ihren Film hineinzuschneiden? Produktionskosten verringern kann es nicht sein? Dass auf Sicht die X-Men- und die Spider-Man-Produktionen zusammenkommen, also Sony/Columbia und Twentieth Century Fox mit ihren jeweiligen Lizenzen gemeinsame Filme ihrer Superhelden produzieren wollen (was eine solche Unterbrecherwerbung erklären könnte), ist nicht bekannt – oder eine in die Hose gegangene Marketing-Idee, die niemand mitbekommen hat.
  • Bin ich altmodisch und versperre mich nur gegen die Zeitläufte? Den frustrierten Gesichtern meiner Sitznachbarn nach zu urteilen, bin ich viele und modern.

Mir ist schon klar, dass das Kino stirbt. Bei den Möglichkeiten, die Filme-Gucker heute haben, an Filme heranzukommen, ist auf Dauer der Betrieb eines Kinos nicht mehr zu finanzieren; der ein oder andere Spektakelfilm geht vielleicht noch, das ein oder andere Nischenkino mit der Nischenidee setzt sich noch durch, die restliche Filmproduktion wandert gleich auf die heimischen Vertriebskanäle Fernsehen, Tablet, Smartphone.
Dass sich die Kinos so rege an ihrem eigenen Untergang beteiligen, hätte ich niemals geglaubt.
Ich finde das schade. Ich habe das Kino mal geliebt.

5 Gedanken zu „Das Kino führt die Werbepause ein

  1. „Mir ist schon klar, dass das Kino stirbt.“

    Diese Aussage stimmt nicht. Die großen Kinoketten machen von Jahr zu Jahr mehr Umsatz.

    1. Richtig, der Umsatz ist in den vergangenen fünf Jahren leicht gestiegen – von 976 auf 1.023 Millionen Euro. Aber die Besucherzahl sank von 146,3 Millionen auf 129,7 Millionen. Und von denen guckt mittlerweile etwa jeder Vierte einen 3D-Film an, der in den großen Kinoketten mit rund 3 Euro mehr pro Ticket zu Buche schlägt, als die zweidimensionale Version. Die Ticketpreise sind in den fünf Jahren (2009 – 2013) leicht gestiegen, im Durchschnitt um 24 Cent. Die Zahl der Kinosäle ist im selben Zeitraum von 4.734 auf 4.610 gesunken, die der Sitzplätze von 819.320 auf 781.146, die der Standorte von 976 auf 890 (Quelle: Filmförderungsanstalt FFA). Ich finde, man kann mit gutem Grund behaupten, dass „das Kino stirbt“. Schön, wenn sich dann die immer weniger Kinos wenigstens immer mehr Geld teilen (Umsatzsteigerung) – durch 3D, Opernübertragungen etcpp …

  2. Das war wirklich eine rundherum schlechte Kinoerfahrung. Mich hat das auch nicht losgelassen und ich habe mal gesucht, ob andere Besucher genauso angefressen waren. Es scheint tatsächlich eine Absprache zwischen Sony und Fox zu sein, die weltweit läuft:

    http://comicbook.com/blog/2014/04/16/the-amazing-spider-man-2-to-feature-mid-credits-scene-from-x-men-days-of-future-past/

    Da frag ich mich, welcher Sony-Film im nächsten X-Men Abspann geteasert wird? 22 Jump Street?

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