82 Zeilen Hass

The Palestinian Wall

Auch der Urlaub braucht seine Rituale. Sie helfen, sich in der Fremde angekommen zu fühlen. Mein Ritual ist, abends nach meinen Touren, das Bier, das ich mir im Kiosk an der Ecke kaufe und dann am Strand meine Kehle kühlen lasse. Als umwelterzogener Bundesbürger bringe ich die Flaschen anschließend zurück. *Klirr* macht es. Der Typ an der Kasse hat sie in den Müll geschmissen. Okay: Mülltrennung gibt es in diesem hippen Land nicht, das immerhin fortschrittlich genug ist, dass man am Strand freies W-Lan hat. Und wahrscheinlich soll ich mich auch nicht so anstellen, ich mit meiner bundesrepublikanischen, christlich-katholisch-fundierten Spießigkeit.

Wer behauptet, sein Urlaub sei zwei Wochen lang einfach nur super gewesen, hat entweder mit dem gekühlten Bier aus dem benachbarten Getränkeabholmarkt auf seinem Balkon abgehangen, oder er lügt. Jeder Urlaub hat seine scheiße fünf Minuten. Hier sind meine: Es geht mir auf den Geist, dass ein sich modern gebender Staat im 21. Jahrhundert noch wegen religiöser Rituale das öffentliche Leben zum erliegen bringt und Besucher dieses Landes gleich mit. Vielleicht sollte man hier einfach nicht Urlaub machen; in einem Land, in dem wenigstens zwei Weltreligionen um die Vorherrschaft kämpfen und behaupten, sie seien aber heiliger und cooler, als die andere – und unter diesen gibt es nochmal etwa 27 Fantastilliarden Experten – Pfaffen, Popen, Orthodoxe, Hüter – die erklären, dass ihre Sicht auf die Dinge aber viel gottgewollter sei, als die Sicht aller Anderen – und deswegen muss auch ihre Sicht an irgendeinem Tag zu irgendeiner Stunde Berücksichtigung finden.

Im September feiert Israel zwei Tage lang das neue Jahr (in diesem Jahr plus Samstag/Sabbat – wo sowieso das meiste steht – und Sonntag) und Jom Kippur. Während zu den Neujahrsfeierlichkeiten wenigstens noch der ein oder andere Kiosk oder Supermarkt auf hat, aber sonst nichts (kein Restaurant, kein Mietwagenverleih, keine Bespaßungsmaschinerie, kein Museum, keine Ausstellung … nichts), klappen sie an Jom Kippur den Deckel ganz zu; und zwar von 16 Uhr am Tag davor – kein Taxi, kein Bus, kein Zug, kein Flugzeug – und werde ich nach 16 Uhr im Mietwagen gestoppt, so sagt es der Manager der Mietwagenfirma, … und dann wedelt er nur mit der Hand … was? Gehe ich ins Gefängnis?? Weil ich Auto gefahren bin??? Frage ich nach, was denn so passiert an diesem heiligsten jüdischen Feiertag, diesem Versöhnungstag, dann höre ich von Einheimischen, da sitze man auf dem Sofa und gucke Filme. Na prima, ist ja wie bei uns an Ostern. Aber da muss doch nicht das halbe Land zum völligen Stillstand kommen!

Für mich bedeutet das, ganz profan und ohne Gottesanrufung, dass ich drei Tage meines geplanten Rundreise-Urlaubs knicken kann. Klar: Bin ich selbst schuld! Israel kann nichts dafür, dass ich ausgerechnet im September dahin will – der September ist hier nun mal blöderweise das, was bei uns der Mai ist, lauter Feiertage; nur dass bei uns dann nicht gleich das öffentliche Leben zum Stillstand kommt – Restaurants, Ausflugslokale (Tourismus) zumal, machen dann ihre besten Geschäfte. Apropos Lokale: Wieso müssen wir eigentlich Eure Kellner zahlen? Übernehmt Ihr jetzt auch schon diese Unsitte aus den USA? „It‘s a minimum 10% Tip for Service!“ WHAT?? Kann ich alternativ mein Essen selbst in der Küche aussuchen, beim Koch bestellen und mir hinter der Theke mein Bier selbst zapfen? Ach, das geht nicht? Warum? Bei den horrenden Preisen hier in Israel wollt Ihr ja hoffentlich nicht behaupten, Eure Karte wäre so knapp kalkuliert, da sei für den Service halt nichts mehr drin. Zahlt Eure Leute gefälligst selber und tut nicht so, als wäre der Gast schuld daran, dass Ihr Kellner braucht.

Ich habe Verständnis für die Regeln, die einem die Religion so auferlegt und allen Respekt vor den Heiligsten der jeweiligen Stände. Aber was gibt Euch Anbetern dieser jeweils Heiligsten eigentlich das Recht, mich zu behandeln wie Karl Arsch? In Haifa will ich die weltberühmten Bah‘ai Gärten besuchen – UNESCO-Welterbe. Geht aber leider nur … selten … und am besten meldet man sich eine Woche vorher an. Sonst wird auf dem sehr weitläufigen Areal in irgendeiner Ecke gebetet und dem Herrn gehuldigt.

Auf dem weitläufigen Gelände des Felsendoms stellt sich mir ein adipöser, sonnenbebrillter T-Shirt-Träger, Marke polnischer Türsteher an der Dorfdisco, in den Weg und scheucht mich mit Grunzlauten und einer Geste vom Gelände, als sei ich irgendeine Schmeißfliege – nur weil drinnen jetzt IHM gehuldigt wird, dessen Name ich – glaube ich – gar nicht schreiben darf; und da darf dann kein – was: Ungläubiger? – in der weitläufigeren Nähe sein? Wo nehmt Ihr eigentlich diese Arroganz her? Ihr lasst mich nicht auf den Tempelberg, weil auf meiner Kamera ein Mikrofon steckt? „Das geht nicht“, ist die deutliche Ansage. „Und wenn ich das Mikrofon abnehme?“ „Dann geht das. Aber lassen Sie sich nicht einfallen, es oben wieder aus der Tasche zu nehmen.“ Was ist denn das für eine Logik – zumal meine Kamera weiterhin über ein (eingebautes) Mikrofon verfügt? Ist der Mikrofonpuschel irgendwie zu jüdisch oder zu islamisch oder zu hinduistisch?

Okay, wir Kölner sagen Jede‘ Jeck ess anders, was die beste Friedens-Magna-Charta ist, die je geschrieben wurde. Und da frage ich mich nun, was eigentlich so heilig an Euch ist, dass Ihr mich erst aus Eurem Tempel verscheuchen dürft und mir anschließend im Restaurant einen falschen Kassenzettel unterjubeln wollt, vollgeschrieben mit Schriftzeichen, die ich nicht lesen kann – Okay; Mein Fehler!! – und mir damit 35 Euro mehr aus der Tasche ziehen wollt, als vereinbart war. Bin ich vogelfrei, weil ich Tourist bin? Weil ich Ungläubiger bin? Was für eine Religion ist das denn? Habt Ihr mal versucht, im Kölner Dom oder gar im Petersdom zu filmen? Und seid Ihr da verscheucht worden? Na also. Aber Ihr führt Euch hier auf, wie die Kinder im Sandkasten, die sich ums Förmchen streiten; was wiederum zur Folge hat, dass ich von Tel Aviv ans Tote Meer einen eineinhalbstündigen Umweg machen muss, nur weil ich mit einem Mietwagen nicht durch die Palästinensergebiete (in diesem Fall das Westjordanlan/Westbank) fahren darf.

Ich will Euch ja Eure Heiligkeiten gar nicht nehmen. Aber wäre es nicht sinnvoller, Ihr schließt Euer Land im September ganz zu? Dann müssen sich individual reisende Typen wie ich nicht ärgern, dass ihre Urlaubsplanung dauernd über den Haufen geschmissen wird. Dann hättet Ihr alle Zeit für Eure Rituale und ich würde mein Urlaubsritual halt woanders begehen. Das musste mal gesagt werden. Zur Sühne dessen gehe ich morgen für zwei Tage in die Wüste.

Das polemische Format „100 Zeilen Hass“ stammt ursprünglich aus dem Magazin TEMPO und wurde gefüllt von Maxim Biller.

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