Es kotzt mich an

Donald Trumps Zeigefinger

„Der Aufstand“, titelt die analoge Ausgabe des Springer-Blattes „Die Welt“ heute und zeigt als Titelfoto eine verschämt ihr Gesicht verbergende Freiheitsstatue. So viel unverhohlene Arroganz muss man sich erst einmal erlauben: Die Mehrheit der US-Bürger (nach amerikanischem, dort allseits akzeptierten Wahlmodus mit den Wahlmännern) hat für einen Präsidenten gestimmt, der nicht Hillary Clinton heißt. Das ist kein „Aufstand“. Das nennt man Demokratie.

Wir großartigen Alles-Checker

Demokratie ist nicht nur, wenn einem das Ergebnis – oder wenigstens die Wähler dahinter – passt. Demokratie ist auch, muss man daran allen Ernstes erinnern, wenn eine Mehrheit einen augenscheinlich amoralischen Sexisten zu ihrem Anführer wählt. Wie es „so weit“ kommen konnte, fragen entsetzt die sich vom Baum der Erkenntnis zu nähren glaubenden Facebook-Vollschreiber und Leitartikler aller Couleur.

Wie weit denn? Haben wir ach so klugen Alles-Durchblicker und Immer-erklären-Könner uns vielleicht mal die Frage gestellt, ob wir nicht erst, seit es die sozialen Medien gibt, in einer Blase Gleichgesinnter leben, sondern schon immer? Ob wir uns nicht vielleicht schon immer eher jene Zeitungen gekauft haben, die unsere Weltsicht spiegelt? Wir uns mit jenen umgeben haben, die unsere Art zu denken teilen. Die anderen, für die wir seit Stuttgart 21 endlich den Begriff „Wutbürger“ haben (haben wir erst einmal einen Begriff, können wir damit umgehen und die Personengruppe schubladisieren), haben uns nie interessiert, sind „nicht unsere Kragenweite“, sind „halt Bildungsferne“, die wahrscheinlich nicht mal irgendeine Zeitung lesen. „Pack“, wie der Vizekanzler der Bundesrepublik im Sommer letzten Jahres formulierte; „Dunkeldeutschland“, wie ein fassungsloser Bundespräsident assistierte.

Die Dummheit vermehrt sich, während wir uns selbst verwirklichen

Ja, diese Menschen krakeelen in die Kameras „Ausländer raus!“ Ja, manchmal haben sie feuchte Flecken im Schritt ihrer ungewaschenen Jogginghose und sehen mit ihren wutverzerrten Schrei-Gesichtern aus, wie die Titelhelden aus „The Walking Dead“, wenn sie ungeniert „Merkel muss weg!“ brüllen und „Deutschland den Deutschen!“ und das gefällt mir genauso wenig wie Ihnen. Aber sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Und sie haben das Wahlrecht. Wir, die in den Medien die Interpretationshoheit haben, haben sie nur jahrzehntelang übersehen, haben uns über sie lustig gemacht.

Und wir sehen auch seit dreißig Jahren zu, wie sich die, die sich selbstherrlich als „Elite“ bezeichnen, aus Selbstoptimierungsgründen nicht mehr fortpflanzen, weil sie sich ganz ihrer Selbstverwirklichung widmen wollen, während die, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, weil die ihre Klamotten bei KiK kaufen und „Früher war nicht alles schlecht“ sagen, sich weiter vermehren. Das ist reiner Darvin, survival of the fittest. Und nun ist England raus aus der EU und Trump gewählt und plötzlich quillt in unsere Blase des gehobenen Intellekts im vom Kamin befeuerten Manufaktum-Ambiente die Erkenntnis, dass gar nicht wir die Krone sind, sondern die. Körper vor Geist, Handarbeit vor Denkerstirn. Globalisierung, Welthandel, Wachstum. Alles toll – nur schon lange nicht mehr für die Millionen von Menschen, die von unseren Glastürmen und Elfenbeinschlössern aus unsichtbar sind. „Ich habe 500.000 neue Jobs geschaffen“, strahlt Andrea Nahles gerade in einem durch facebook rauschenden Gag. „Ich weiß“, antwortet ein Arbeiter, „ich habe drei davon!“

Hier die professoralen Weißhaarigen, da die einfachen Lösungen

Der Vizekanzler, der eben noch die Krakeeler als Pack abkanzelt, stellt sich am Abend der US-Wahl hin und lässt im heimischen Kabinett mal eben den mühsam ausgehandelten Klimaschutzplan platzen, weil die Industrie, namentlich die Kohle-Industrie (mit ihren Arbeitsplätzen), nicht angemessen berücksichtigt sei – wen berührt zehn Monate vor der Bundestagswahl schon das larmoyante Klima? In der Wahlnacht des Donald Trump verliert ARD-Moderator Matthias Opdenhövel vor den Live-Kameras früh die Fassung ob Trumps näherrückenden, aber doch so unerwarteten Wahlsieges und gerät völlig aus dem Konzept, und seine Co-Moderatorin Susan Link moderiert, als sei sie in einen feucht-fröhlichen Wahlkarneval aufgebrochen und dann von alkoholisierten Schulhof-Rowdies aus dem roten Prinzesschenkleid geprügelt worden. Das ZDF in seiner Livestrecke blickt während der Wahlnacht „ins Netz“, filtert das Entsetzen des Clintonlagers und schlussfolgert, das World Wide Web sei außer sich. Es gibt keine gleichgeschaltete Presse in Deutschland, weiß ich, kann ich aus jahrzehntelanger Praxis sogar an Eides statt erklären. Aber sollten nicht, schon auch angesichts der Lügenpresse-Brüller, wenigstens, oder gerade, die Öffentlich-Rechtlichen umso ausgewogener berichten? „Trumps Sieg hat die vielen, vielen Menschen sichtbar gemacht, die von der tonangebenden liberalen und rechten Elite unsichtbar gemacht worden waren“, schreibt die US-Soziologin Saskia Sassen in der SZ.

Die großen Parteien der etablierten Eliten pokern sich seit Monaten durch die politischen Hinterzimmer auf der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten und liefern im Verbund mit sie begleitenden und beobachtenden Medien ein jämmerliches Bild des Versagens – lavieren, vertagen, Arbeitskreis bilden. Jedem professoralen Weißhaarigen, den die Politik und die Medien umständlich erklären lassen, „viele Menschen verstehen die komplexen Mechanismen in der modernen Gesellschaft nicht. Eliten in Politik, Medien, Wirtschaft und Kultur müssen deshalb immense Erklärungsanstrengungen unternehmen“ (Werner Weidenfeld bei ZDFheute.de), halten Höcke, Petry, Meuthgen und die Populisten dieser Welt ihr einfaches „Ohne Ausländer wird alles gut!“ entgegen. Das ist natürlich Quatsch. Aber die Menschen glauben es, weil sie es glauben wollen, weil sie Führung wollen, klare Kante, nicht diese „moderne Gesellschaft“ mit ihren „komplexen Mechanismen“, nicht dieses dauernde Vielleicht und Wir müssen sehen; und das sind auch nicht nur arme, weiße, ungebildete in-die-Hose-Pinkler; darunter sind auch mittelgeschichtete Häuslebauer, die es nun mal stört, wenn es in ihrer Kneipe zu interkulturellen Liebesgeschichten kommt, die sich aber weit weg wähnen von den Rattenfängern der AfD. Nur: Wer sonst hört ihnen zu (und geht auf sie ein)? Damit müssen wir umgehen, anstatt angewidert den Zeigefinger auf die da zu richten.

Der Abgrund im Wahlvolk

Als bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern im September die Spitzenkandidatin der Linken, Heidrun Bluhm, erklären sollte, ob die politische Klatsche, die ihre Partei erlitten habe, daran läge, dass sie mit ihren linken Theman nicht durchgedrungen sei, erklärte sie, man spreche ja nicht nur das linke Lager an, man orientiere sich ja in die Mitte der Gesellschaft. Wer zum Beispiel bei der kommenden Bundestagswahl kein Freund der Grünen ist, hat ein Problem: Alle im Bundestag vertretenen Parteien schließen eine Koalition mit den Grünen nicht aus. Nur die AfD! Und jetzt? Der Wähler, der linke und grüne Thesen ablehnt, ohne deshalb gleich rechtsradikale Thesen zu vertreten, findet in der etablierten Parteienlandschaft kein Echo mehr, und wäre er ein Einzelwesen, könnten wir jubilieren Ällabäätsch, wir sind mehr als Du. Aber wir sind gar nicht mehr – quod erat demonstrandum (Brexit/Trump). Die etablierte Parteienlandschaft blickt zunehmend am Wahlvolk vorbei – wenn Du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in Dich hinein, wusste Friedrich Nietzsche, der große Verzweifler am menschlichen Wesen.

Als Michel Friedmann Ende der 90er Jahre postulierte, etwa 12 Prozent der Deutschen seien – zumindest unterschwellig – antisemitisch, holla, da war die Aufregung aber groß. Tagelang bemühten sich Politiker, Gesellschaftswissenschaftler und Straßenumfragen, das Gegenteil zu belegen, Friedmanns Zahlen anzuzweifeln und das Thema als gehässige Lüge zu entlarven. Und wo das nicht klappte, haben wir mit dem Finger auf die da gezeigt, die antisemitisch sind – und also keine von uns … keine aus unserer Elite, von uns Meinungsmachern, von uns, die wir es doch einfach immer schon besser durchblicken.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Gekümmert um jene, die keine von uns sind, haben sich schon damals nur die Republikaner (die es nicht mehr gibt) und die NPD (die es momentan kaum noch gibt). Nur wir hatten mal wieder besseres zu tun – spiel nicht mit den Schmudelkindern, sang Franz Josef Degenhardt schon 1965, sing nicht ihre Lieder. Geh doch in die Oberstadt, mach’s wie deine Brüder. So haben wir es dann gemacht, wir, die wir Degenhardts vor Sarkasmus triefende Doppelbödigkeit seines Textes nicht verstanden hatten. Und jetzt sind die da und die Mehrheit. Und wir hier staunen, dass es die nicht nur gibt, sondern dass die auch gar nicht das wollen, was wir für das richtige halten.

So, wie wir die Ausländer-raus-Strategie für falsch halten und die Globalisierung für alternativlos erklären, finden die es völlig richtig, wenn Björn Höcke seine Deutschlandflagge bei Günther Jauch ausbreitet und jemand behauptet, wir stoppen die Globalisierung, indem wir die Grenzen dicht machen. Mehr als ein Sie wissen es nicht besser und deswegen müssen wir es ihnen wieder und wieder erklären, haben wir nicht? Dann verlieren wir und können die Fassungslosigkeit an Wahlabenden zu unserem elitären Perpetuum Mobile erklären.

Demokratie ist nicht Tinder

So geht Demokratie: Die Mehrheit bekommt die Macht. Wie sich diese Mehrheit qualitativ zusammensetzt, spielt eine untergeordnete Rolle. Es reicht nicht, dass wir uns gegenseitig cool finden, weil wir so lustige Anti-Trump- und Anti-Wutbürger-Wortspiele durch die Netze jagen. Es reicht nicht, jeden wegzuscheuchen, der uns mit seiner Meinung lästig ist. Demokratie ist nicht Tinder.

Wenn wir unsere gesättigte, sich für den elitären Gipfel der Evolution haltende Minderheit für besser halten, wenn wir 70 Jahre Frieden in Europa besser finden, als alle paar Jahre gegen einen eingebildeten Erbfeind in den Krieg zu ziehen, dann müssen wir gegen jene Mehrheit, die einfache Lösungen krakeelt, lieber im Sumpf lebt und zwischen zwei Bier einfach nur andere Kröten begatten will, kämpfen. Dann müssen wir entweder denen die Mehrheit nehmen (also fleißig unsere Kröten begatten – oder, wie wir wahrscheinlich sagen würden, unsere fruchtigen Blümchen bestäuben), oder das Wahlrecht streitig machen, müssen wir einen Mindest-IQ an der Wahlurne einführen und einen Bildungsnachweis.

Dann müssen wir die Demokratie abschaffen.

Wollen wir das? Demokratie der selbst erklärten Elite? Da wird mir ja schon wieder schlecht.

„Liebling, schenkst Du mir noch von dem wunderbaren Chardonnay nach, bitte?“

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