Glaube. Liebe. Tod.

Hartung an den Corros de Epina

Amokfahrt in Nizza. Putsch in der Türkei. Tote Polizisten in Baton Rouge. Nominierungsparteitag der Republikaner. In der vernetzten Welt ist man niemals aus der Welt. Die Ereignisse erreichen einen – höchstens die sicher zahllosen Brennpunkt-Sendungen und Livestrecken im Tagesprogramm bekomme ich im Valle nicht mit.

In der friedlichen Abgeschiedenheit dieser irgendwie in den 1970er Jahren steckengebliebenen Enklave erscheint allerdings der Krieg-Terror-Brexit-IS-AfD-Besorgte-Bürger-Irrsinn der vergangenen Monate nochmal monströser, unglaublicher. Alle durchgedreht. Galt nicht eben noch Schlau ist das neue Sexy? Und jetzt dominieren die Ritter des Heiligen Keep It Simple! Ich wähne mich in der globalen Version des Stephen-King-Romans In einer kleinen Stadt.

Da öffnet in Castle Rock ein kleiner Laden namens Needful Things. Der Inhaber, Leland Gaunt, verkauft Preziosen, ganz unterschiedliche Dinge, die die Menschen hier jeweils besonders begehren. Diese Needful Things sind nie teuer, Leland Gaunt aber wünscht sich für diese kleinen Dinge im Gegenzug stets einen Streich, harmlose Sachen, einer soll zum Beispiel die ordentlich auf der Leine im Garten drapierte, penibel weiß gewaschene Wäsche der zwanghaften Nachbarin mit Erde beschmieren. Diese Streiche scheinen harmlos, vertiefen aber seit Jahren schwelende Konflikte und Vorurteile in der kleinen Stadt; die Geschichte endet in Mord und Totschlag, mit automatisch Waffen ziehen die Bürger marodierend durch die Straßen ihrer kleinen Stadt. Ein kleiner Funke hat genügt, die Menschen in Parolen krakeelende Einzeller zu verwandeln.

In Nizza war der Funke ein 19-Tonnen-LKW. Und wenige Tage später stehen die Menschen nicht kollektiv Arm in Arm gemeinsam auf der Promenade des Anglais und trauern um die Opfer der Amokfahrt. In der Zeitung lese ich, dass sie sich gegenseitig ankeifen. Über die als Zeichen des Mitgefühls drapierten Blumen beschimpfen sich Franzosen, Algerier, Journalisten mit Ausländer raus, Deppen-Presse, Rassisten! Das Gift des Terrors entfaltet seine zersetzende Wirkung. Und Donald Trump/Marine LePen/AfD-Kaputnicks geben den Leland Gaunt.

An den Corros de Epina

Die fesselnde Wirkung, die der Glaube – an Jungfrauen im Paradies, das ewige Leben, an Gott, die Wiedergeburt, an Needful Things – in unserer säkularisierten Welt immer noch – oder: wieder – entfaltet, erleben wir hier in der abgeschiedenen Welt an den Corros de Epina, den Epina-Quellen. Hier fließt Wasser aus mehreren nebeneinander aus dem Fels ragenden, grob geschnitzten Hölzern. Es heißt, wer daraus von links nach rechts trinkt, dem winken – von links nach rechts – Gesundheit, Liebe, Wohlstand und … was aus der vierten Quelle sprudelt, darüber streiten die Sitten-und-Gebrauchs-Gelehrten, am weitesten verbreitet hat sich der Glaube, hier erlange man Glück und Dichtkunst (alegria y la poesia). Entscheidend, ja geradezu zwingend für die Erfüllung des Glaubens ist es, dass Frauen Wasser nur aus den geraden, Männer Wasser nur aus den ungeraden Quellen trinken müssen. „Aber die sind doch als ungerade“, sagt jemand angesichts der durchweg grob geschnitzten Hölzer.

Uns eingeschlossen erleben wir hier niemanden, der diese zwingende Glaubensregel ignoriert. Frauen trinken nur aus der zweiten, vierten und sechsten, Männer nur aus der ersten, dritten und fünften Quelle – und aus der siebten; eine achte Quelle, damit auch Frauen aus vier unterschiedlichen Quellen (also auch Glück und Dichtkunst) schöpfen können, gibt es nicht, was gendertechnisch sicher noch zu Zerwürfnissen führen wird. Manchmal genügt ja ein kleinen Funke, um die Menschen in Parolen krakeelende Einzeller zu verwandeln.

1 Gedanke zu „Glaube. Liebe. Tod.

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