good price

The Palestinian Wall

„I live in a fucked up Country“ begründet Eyad, dass er mich über den Tisch ziehen will; „It‘s a fucked up life“. Unversehens stecke ich wieder in einer dieser Situationen, die mich in den All-inclusive-Urlaub treiben können. Warum soll es eigentlich charmant sein, bei jeder Avocado über den Preis zu feilschen? Ich komme aus Köln Klettenberg, da stand schon, als ich noch Kind war, an dem blau-gelb-grünen Pollunder in der Kaufhalle 17 Mark 50; und die hat meine Mutter dann bezahlt. Ich bin in einem System groß geworden, in dem der Händler einen Preis bestimmt und ich dann sagen kann „Au ja“ oder „Och nö“. Sagen zu viele Kunden „Och nö“, wird der Händler seine Preispolitik gegebenenfalls überdenken. Das finde ich super. Das ist … mitteleuropäisch. Mich auf dem Bazar einem touristisch geschulten Teppichhändler auszusetzen, bei dem ich mangels Erfahrung und mangels Notwendigkeit nur verlieren kann, finde ich ganz und gar nicht charmant – eher lästig. Nun ist Eyad kein Teppichhändler auf dem Bazar sondern … tja, Romantiker nennen so jemanden wohl Lebenskünstler.

Meine Geschichte beginnt damit, dass ich mich – mittlerweile ja ohne Auto – in das Abenteuer Busfahrten gestürzt habe und begeistert bin, wie einfach es ist, von Tel Aviv nach Jerusalem mit dem Bus zu kommen (mit einem nicht verhandelbaren Preis von 19 Schekel/4,32 €) und von dort zum Beispiel weiter nach Bethlehem – dass die Idee mit dem permanenten Mietwagen nicht meine cleverste war, habe ich dieser Tage auch verstanden. Zwei Stunden, nachdem ich in Tel Aviv in den Bus – und dann noch zweimal um – gestiegen bin, stehe ich in Bethlehem und ein Glatzkopf mit grellblauem T-Shirt, Pilotenbrille und pidgin-englisch quasselt auf mich ein.

Bethlehem, diese historisch ungastliche Stadt, in der einst ein hochschwangeres, mittelloses Paar Unterkunft fand in einer Scheune, nachdem es überall abgewiesen worden war, hat sich nicht geändert – also rein subjektiv gesehen, als Tourist. Denn natürlich ist wieder ein Feiertag! Mittlerweile kann ich für meine Reise nach Israel sagen: „Wo ich bin, ist Feiertag“. Vergangene Woche das Neujahrsfest, gestern war Jom Kippur, beides auf jüdischer, heute nun Eid auf arabischer Seite.

Pech: Dieses Opferfest, Eid, ist das höchste islamische Fest und kann überall im Jahr stattfinden, es hängt am islamischen Mondkalender. Es wird zum Höhepunkt der Haddsch gefeiert, der Wallfahrt nach Mekka. Und was ich eigentlich sagen will: In Bethlehem ist wegen Eid tote Hose – alles zu (bis auf ein paar Souvenierhändler), mein lonely planet Makulatur. Flanieren durch die lieblichen Pflasterstein-Gassen? Wohin denn? Hier kommt nun Eyad ins Spiel, der mich gleich am Bus überwältigt und mir für 600 Schekel alles zeigen will, „what You have to see!“ Eigentlich wollte ich ja flanieren und bei der Gelegenheit die Geburtskirche besuchen, also THE PLACE!!! Nun aber ist Bethlehem so tot wie der Heiland am Kreuz und … ist Zone A; das heißt: Zivil- und Militärkontrolle liegt ganz in Palästinas Händen, große, knallrote Schilder verbieten Israelis den Zutritt. Mit flanieren durch die blinden Gassen ist da nicht viel. Eyad, den ich auf 25 Schekel runterhandeln konnte, damit er mich einfach nur zur Geburtskirche bringen soll, hat mich bei den Eiern.

The Palestinian Wall

Lässt er mich hier allein in dieser Feiertagsödnis, wird es schwer, wieder rauszufinden. Im Kopf habe ich Fernsehbilder von besinnungslos schreienden Bärtigen mit grün-weißen Flaggen, die wahlweise die israelische oder die US-Flagge verbrennen. Brauche ich sowas, Abenteuer im Westjordanland? Ich bin auf einmal auf Eyad angewiesen. Also misstraue ich ihm, glaube ihm kein Wort, will aber auch nicht aus dem Auto aussteigen. Ist mein Leben in Gefahr heute in Bethlehem? Sicher nicht mehr, als wenn ich mich auf dem Münchner Oktoberfest in gelb-schwarzem Leibchen hinstellte und „Deutsche Meister wird nur der BVB“ grölte. Aber schlimmstenfalls säße ich (mit wertvoller Kamera, Smartphone, Pass etc.) irgendwo in einer Gegend fest, für die das Auswärtige Amt eine Reisewarnung vorhält. Für eine Rund-Tour also, die dem Aussetzen in diesem Gebiet vorzuziehen ist, konnte ich Eyad mittlerweile auf 200 Schekel runterhandeln – Geburtskirche, Herodes‘ ultimativen Palast und die Mauer, die Israel gegen Palästinenser hochgezogen hat. Zu viel Geld, aber Eyad hat das zufriedene Gefühl, mich über den Tisch gezogen zu haben, ich habe das stolze Gefühl, ihn aber doch ordentlich runtergehandelt zu haben; eine win-win-Situation in a fucked up situation. Vielleicht meinen sie diese Gefühlslage, wenn sie vom Charme des Feilschen schwärmen …

Als ich aus der Geburtskirche wieder raus bin, überfällt mich Eyad mit dem Gedanken, es sei doch doof, bis zu Herodes‘ Palast zu fahren. Da müsste ich ja wieder Eintritt bezahlen und das dauere auch so lang und er zeige mir jetzt erstmal die Mauer. Einspruch zwecklos, weil ich erstens keine Ahnung habe, was hier wirklich vorgeht, zweitens er in einem fucked up country behind walls lebt und drittens sein Volk einfach nur in Frieden leben will und Israel an allem Schuld ist. Die Mauer ist in der Tat beklemmend; natürlich hat Eyad jede Menge Geschichten parat, die die Aggressivität der Israelis unterstreichen. Vorsichtige Nachfragen des urlaubenden Journalisten in mir, ob es denn da nicht den ein oder anderen palästinensischen Suicide-Bomber gegeben habe, der den Bau der Mauer letztlich … Ja, das sei auf den ersten Blick richtig, sagt Eyad, aber Suicide-Bomber werde ja nur jemand, dem der Israeli vorher die Familie weggeschossen habe, schließlich bringe sich niemand freiwillig um, sagt Eyad und hat dann noch die Geschichte der Studentin mit den Narben parat, die „gestern in Hebron in eine Straßensperre“ gerät, ihren Schal nicht vom Gesicht nehmen will, weil sie sich für ihre Narben schämt und dann „aus zwei Metern“ mit zwölf Schüssen vom israelischen Wachpersonal niedergestreckt wird. Ob die Geschichte stimmt? Weiß ich nicht. Aber das ist der Konflikt: Jeder hier kann Dir hundert Geschichten von Übergriffen israelischer Soldaten erzählen – schmerzhaften, brutalen Übergriffen – und jeder da drüben auf der anderen Seite der Mauer kann dir hundert Geschichten über Verwandte erzählen, die im Bus zerfetzt, auf dem Marktplatz erschossen, vor laufender Kamera hingerichtet worden sind. Das gehört hier zum Alltag.

Die Palestinian Wall ist voll von solchen Geschichten, sauber nebeneinander aufgereiht. Sie strahlt soviel schlechte Gefühle aus – Angst, Hass, Wut, Zorn – dass sie als Gegenentwurf zur Klagemauer gelten könnte, von der manche glauben, hier strahle die Heiligkeit aus jeder Fuge. Eine Dreiviertel Stunde liefert mir Eyad ungefiltert den palestinian way of live, ohne öffentlich-rechtliche Einordnung. Für einen Bundesbürger, dessen Kanzlerin die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson erklärt hat, ist das mal wenigstens erfrischend. Und verstörend.

The Palestinian Wall

Als ich Eyad am Ende 100 Schekel in die Hand gebe, gibt er lautstarken Protest und fucked up Country surrounded by walls und wird ausfallend, aber Herodes‘ Palast, der die meiste Zeit der 200-Schekel-Tour durch das ansonsten tote Bethlehem eingenommen hätte, ist der anti-israelischen Suada irgendwie zum Opfer gefallen. Eyad rauscht in seinem so gar nicht fucked up silbergrau-metallic-farbenen Daihatsu mit blank polierten Alufelgen von dannen – im Fond ein junges Paar aus Frankreich, dem er versprochen hat, für 700 Schekel alles zu zeigen, „what You have to see!“

Ach, übrigens, von wegen Geburtskirche: Der Platz, an dem Maria niederkam, an dem der Heiland zu Welt kam, ist voller Reisegruppen; auch die lustigen zitronengelben Mützen-Russen aus der Grabeskirche sind wieder da. Um den Platz, an dem (angeblich, mutmaßlich, alten Legenden und Sagen zufolge) DIE KRIPPE stand, zu sehen, muss ich zwei Stunden anstehen. Das ist mir zu viel. Da unten steht ja nicht mal eine richtige Krippe (sagt der Reiseführer). Ich hätte versuchen können, einen good price auszuhandeln, um in der Warteschlange nach vorne zu kommen. Aber gegen Reisgruppen, russische zumal, ziehst Du da immer den Kürzeren.

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P.S.: Das mit dem Sicherheitsbedürfnis der Israelis ist hier so eine Sache. Als wir auf der Rückfahrt den Checkpoint erreichen, von dem Reiseführer und gewesene Touristen unisono erklären, dass das israelische Militär da bisweilen sehr humorlos durch den Bus marodiere auf der Suche nach potenziellen Suicide Bombern, geht einer der Grenzsoldaten wortlos durch den fast leeren Bus, während der andere Grenzsoldat laut schwatzend den Busfahrer begrüßt, High-Five abklatscht und ununterbrochen weiter redet, während er ihm einen 100-Schekel-Schein hinhält. Der Fahrer greift in seine Tasche und gibt dem Soldaten dafür fünf 20-Schekel-Scheine. Der Grenzposten braucht offenbar Kleingeld, obwohl ich bisher nie Schwierigkeiten hatte, über einen 100-Schekel-Schein (€ 22,75) selbst kleinste Summen zu begleichen. Dann fällt mir auf, dass unter den fünf Zwanzigern noch ein Hunderter hervorlugt. Mir ist der Zweck dieser Art der Bestechung verborgen geblieben und wahrscheinlich sind die Grenzsoldaten auch geschult genug, um unter 13 Passagieren in einem Bus potenzielle Suicide Bomber zu erkennen, ohne jeden einzelnen aufwendig zu kontrollieren. Aber wenn ich – rein theoretisch natürlich – mit € 22,75 die Kontrolle eines Busses in einem Konfliktgebiet verhindern kann, ist dann die nächste Attentats-Schlagzeile auch nur eine Frage des good price?

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