Neben mir schläft mein Smartphone

Tablet, Smartphone und MacBook immer in Reichweite, auch im Bett

Würde ich über mich in der Zeitung lesen, würde ich wahrscheinlich der Schlussfolgerung des Autors folgen und sagen, „Der Typ ist verhaltensauffällig“. Wenn ich frei habe, also Wochenende oder Urlaub habe, kann ich Tage verbringen, ohne Menschen zu treffen oder zu reden. Da lese ich Zeitung auf meinem iPad, schaue verpasste Sendungen via iPhone/Apple-TV, lese Bücher auf meinem iPad, speichere meine Laufdaten via App auf meinem iPhone und halte Kontakt zu anderen Menschen da draußen über Facebook und E-Mail.
Mein erster Griff morgens nach dem Aufwachen bringt mir meine Gadgets. Das ist leicht. Die liegen neben mir auf der anderen Betthälfte – da wo andere Männer ihre Ehefrau liegen haben. Bei mir liegt da keine Frau. Verhaltensauffällig? Oder Trendsetter?

Gestern habe ich den Film Her von Spike Jonze gesehen. Da verliebt sich ein Mann in das Betriebssystem seines Computers. Der Film hat für ziemliches Rauschen in den Feuilletons gesorgt. „Her“ spielt irgendwann in ein paar Jahren und dieses Betriebssystem – „OS“ oder „Samantha“ – ist eine Art SIRI-hoch-fünf. Das operating system ist auf Empathie programmiert, die nötigen Informationen dafür sammelt es durch aufmerksames Zuhören und Mitdenken. Es lernt selbständig und verwickelt seinen Besitzer in interessante Gespräche, ist neugierig, zugewandt, versucht sich mit Witzen, lacht, räumt Desktop und Leben des Besitzers auf und ist ihm bald ein ständiger Begleiter und lieb gewonnener Gesprächspartner. Zukunftsmusik, aber das, was der Film zeigt, sehe ich heute schon überall.

Überall stehen und gehen Menschen und gucken auf ein Display, sprechen in ein Display, lachen über etwas auf dem Display. Ich muss davon ausgehen, dass diese Menschen mit anderen Menschen interagieren – telefonieren, skypen, chatten, quizduellen, mailen. Selbst in Restaurants mit anderen am Tisch tun sie das. Wer ist verhaltensauffällig? Der Mann, der von daheim aus mit anderen chattet? Oder der, der im Beisein anderer mit anderen chattet?


In „Her“ chattet Theodore – so heißt der Mann, der das Betriebssystem kauft – zu Beginn auch mit einer anonymen Gesprächspartnerin. Es gibt heißen Chat-Sex und die Frau am anderen Ende der Leitung hat interessante Vorlieben in diesem Bereich. Aber wer das ist, wie sie aussieht oder ob das nicht vielleicht ein Mann ist mit Stimmmodulator – ist ja Zukunft – das weiß keiner. Keine Filmstunde später hat Theodore Sex mit seinem Betriebssystem. Und das Betriebssystem (das die Stimme von Scarlett Johansson hat) geht ganz schön ab. Wo ist der Unterschied zwischen der mutmaßlichen Frau mit den interessanten Vorlieben und dem Betriebssystem, das so wunderbar einfühlsame Gespräche mit Theodore führen kann?

Neben mir im Bett liegen also Smartphone und Tablet. Ich nutze SIRI nicht. Ich habe Scheu, mich mit der Maschine auf ein Gespräch einzulassen. SIRI soll ja allerlei lustige Antworten in petto haben, wenn man versucht sie auszutricksen. Aber morgens mit einer Tasse Kaffee im Bett mein schlankes, matt glänzendes MacBook aufzuklappen und die weiche Tastatur zu bedienen, entzückt mein ästhetisches Empfinden. Ist das schon Empathie für die Maschine? Die Glasscheibe meines iPad zu streicheln, dadurch Urlaub zu planen und zu buchen, Videos zu bedienen, Zeitung zu lesen und die sozialen Medien zu durchforsten, macht mich dankbar, nicht in ein Reisebüro gehen zu müssen oder in ein Café mit lauten Menschen. Stillt das Gerät mein Bedürfnis nach Kontakt? Ersetzt es schon diese/n eine/n wesentliche/n Begleiter/in?

Das Faszinierende an der digitalen Samantha ist, dass sie nicht mit einem Rucksack voller Urteile und Empfindungen aus früheren Beziehungen auftritt, sondern vorurteilsfrei, unbeschwert auf Theodore eingeht. Und irgendwann hat sie durch Theodore und die Liebe so viel gelernt, dass sie ihn für eine neue Bewusstseinsebene verlassen muss. Und da, wo sie hingeht, braucht sie keinen Rucksack. Da, wo sie hingeht, sind Menschen und Rucksäcke Relikte aus emotional unbeherrschten Zeiten.

Die Maschine als der bessere Mensch. Warum soll man sich nicht in einen besseren Menschen verlieben?
„Ich würde nicht sagen, dass ich eine Beziehung zu Samantha habe“, sagt Theodore.
„Was ist es denn anderes als eine Beziehung?“, fragt seine Nachbarin Amy.

Oder, wie Crosby, Stills, Nash & Young sangen: „If you can’t be with the One you love, love the One you with!“

1 Gedanke zu „Neben mir schläft mein Smartphone

  1. Will es mehr von dir? Lockt es? Ich vermute, diese Smartphones haben längst den klassischen Wecker abgelöst. Von daher, verhaltensauffällig? Ne. Eher Standard. Aber nicht gut, weil es lockt, dem Rauschen des Draußens zu lauschen statt es aus dem Schlafzimmer zu verbannen und das Refugium – auch der Ruhe – auszukosten.

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