Menschlich. … Menschlich?

In Yad Vashem

Die Feiertage sind vorbei. Endlich habe ich ein Auto. Ich fahre nach Jerusalem. Nach Yad Vashem. Klar. Pflichtbesuch.
Bin ich erschüttert? Beeindruckt! Aufbau, Architektur, Begleitung – das ist mehr als die Halle der Namen, die im Fernsehen immer auftaucht, wenn ein deutscher Politiker Israel besucht. Als Deutscher … ich glaube, das kann ich … kann ich? … naja, pflichtschuldigst festhalten: Vieles – Machtergreifung Hitler, Reichspogromnacht, Juden in die Lager – Vieles von dem, was mein Audioguide erzählt, kann ich mitsprechen. Aber nicht die vielen Einzelheiten. Die allein sind aber nur gut für eine Geschichtsstunde.

Interessant ist, dass mir der Besuch zeigt, dass die Nationen …, die Gesellschaft …, wir …, ich … nichts dazu gelernt haben; sodass ich mich am Ausgang frage, ob wir (Menschen) das eben vielleicht gar nicht können, nicht wollen. Yad Vashem zu besuchen, während Angela Merkel in der aktuellen Flüchtlingsdebatte erklären muss, sie wolle sich nicht dafür entschuldigen, dass Deutschland ein freundliches Gesicht zeige, ist, wie ZDF heute journal in 3D. Ich laufe durch „Abteilungen“ (ich könnte auch sagen durch Gegenden), in denen ganze Landstriche einer verfolgten Minderheit per Straßenschild klar machen, dass sie hier gefälligst nichts zu suchen haben. Die Leute aus Heidenau, die vor einigen Wochen die Schlagzeilen beherrschten, haben sich kaum anders verhalten, als die Leute, die Mitte der 30er Jahre Schilder aufstellten, auf denen Juden lasen „Der Weg nach Palästina führt nicht durch dieses Dorf“.

Heute sind es Syrer, Afghanen, Iraker, Sudanesen, die Schutz vor Verfolgung suchen und sicher kann mir der Ethnologe die Unterschiede zwischen diesen Flüchtlingen heute und den Juden vor 70 Jahren erklären. Interessant aber wird der Blick erst, wenn ich sehe, dass die Argumente der Ablehner damals und heute dieselben geblieben sind. Ich höre den australischen Regierungschef, der jüdische Flüchtlinge aus Deutschland ablehnt mit der Erklärung, man habe bisher kein Problem mit religiöser Verfolgung gehabt; nun wolle man sich das Problem nicht importieren. Ich sehe Karikaturen der sich verschämt weg duckenden Statue of Liberty, die doch auf ihrer stolz gehaltenen Tafel dazu aufruft, „mir alle Beladenen, Müden“ zu schicken, „die nach Freiheit dürsten“, während der US-Kongress sich weigert, 20.000 Juden aus Deutschland aufzunehmen. Ich höre von bizarren Flüchtlings-Odysseen zwischen Deutschland, USA, Großbritannien und Frankreich; und das ist 70 Jahre her.

Nach vier Stunden in der beeindruckenden Museumsstruktur wieder in schwülen 30 Grad bin ich nicht schockiert über uns damals; das kenne ich alles. Ich ringe um Luft mit der Möglichkeit, dass „menschlich sein“ eben das ist, was mir der Rundgang gerade gezeigt hat. Vielleicht ist es menschlich, andere abzuweisen, das Fremde fern zu halten; das scheint ja überall in der Welt mit denselben Argumenten zu funktionieren. Dass Frau/Mann von der Straße so denken – geschenkt: beschränktes Denken stirbt nicht aus; es ist Aufgabe der Gemeinschaft, den (schweigenden) Volksneid im schweigenden Zaum zu halten … und das gelingt ja im Allgemeinen auch ganz gut.

Aber wenn die Politik in 70 Jahren (und wahrscheinlich noch viel länger) nichts dazu gelernt hat, keine Lehren gezogen hat aus dem Drama damals, keine Programme entwickelt hat, wie man, sollte sich das je wiederholen, damit besser umgehen könnte, dann … geht unser Blick heute zur UNO. Flüchtlinge sind, weil Fremde, weil Essenwegnehmer, lästig; keiner will sie. Und machen wir uns nichts vor: Das ist keine Marotte böser, unmenschlicher Politiker, das sind Programme von Funktionären, die wir in Mehrheit gewählt haben, die also unsere unterschwelligen Wünsche umsetzen.

Die strahlenden Flüchtlingsempfänger von München sind schön. Toll. Großartig. Aber jetzt wird‘s Zeit to get serious. Wenn wir nicht in 70 Jahren durch eine Art Yad Vashem 3.0 laufen wollen (aber natürlich weiß ich, dass sich der Schrecken des Holocaust niemals relativieren lässt – also bitte nicht diese Debatte), müssen wir wohl ein paar Pflöcke einrammen. Einen hat Michael Martens vor einigen Tagen in der FAZ eingerammt, indem er forderte, den mutmaßlich baldigen Neubürgern die Freiheitlich Demokratische Grundordnung schon aufs Asylbewerberheim-Kissen zu legen – mit der ein oder anderen Erläuterung hinsichtlich Frauen, Homosexuellen, brennenden Koranen und dem Umgang mit Andersgläubigen.

Einer dieser Pflöcke beinhaltet aber auch eine Politik im Rahmen der UNO, die nicht sofort zurückschreckt, wenn irgendein selbstherrlicher Ordensträger ihr „Einmischung in innere Angelegenheiten“ vorhält. Wenn die Weltgemeinschaft glaubt, gemeinsame Werte zu haben, wenn sie glaubt zu wissen, was menschlich ist, dann muss sie dafür eintreten – mit allen Konsequenzen.

Aber vielleicht ist es menschlich, eben für all das nicht einzutreten. Vielleicht ist es menschlich, sich selbst der Nächste zu sein.
Ich war in Yad Vashem. Mein Urlaub in Israel nimmt Fahrt auf. Jetzt auch ohne Auto.

1 Gedanke zu „Menschlich. … Menschlich?

Anderer Meinung? Hier können Sie sie formulieren,