Der Fußball-Weltmeister, der Boulevard und die Penislänge

Die SZ vom 12.09.2014 über Schweinsteiger und seine angeblich neue Freundin

„Schweinsteiger hat ‘ne Neue“, teilt das Fachblatt für Kampagnen, Halbwahrheiten und Volksaufhetzung mit. Aha. Es gehört wohl heute dazu, dass anderntags auch meine Leib-und-Magen-Zeitung das auf ihrer Panorama-Seite vermeldet, natürlich mit dem ironisch distanzierten Gestus des Qualitätsjournalismus‘. Nicht die Geschichte ist die Geschichte sondern das, was andere daraus gemacht haben – pfui, dieser Boulevard.

Ich sollte ehrlich sein: Das Fachblatt für Kampagnen, Halbwahrheiten und Volksaufhetzung nehme ich freiwillig nicht aus dem Zeitungsständer – höchstens beruflich. Ich habe aber Urlaub und also bleibt die gestrige Schlagzeile „Schweinsteiger zeigt sich mit neuer Frau“ zunächst ohne Bild und lediglich begleitet von der Erinnerung an die strahlend schöne Sarah Brandner, die bei der WM 2006 ihren Freunden auf der Tribüne das Bier bringt. Und natürlich habe ich die Geschichte heute in meiner Leib-und-Magen-Zeitung beim Durchscrollen der Inhalte als Erstes gelesen, Boulevard hin, geht-mich-nichts-an her.
Jetzt weiß ich, dass es gar nichts zu wissen gibt, außer, dass Schweinsteiger eine Profi-Tennisspielerin kennt (was jetzt auch nicht soo verwunderlich ist) und dass die ihn bei der Ice Bucket Challenge nominiert hatte. Aber: Meine Leib-und-Magenzeitung hat dann heute noch mal kurz klar gemacht, warum sie meine Leib-und-Magen-Zeitung ist, indem sie eine allgemeingültige Realität dieser Tage in folgende wunderbare Worte gekleidet hat: „Ana Ivanović – „die Frau, die Schweinis Hand halten darf“ – meldete sich am Donnerstag zwar gut gelaunt via Facebook zu Wort, aber nicht zur Sache. Sie sei gerade in Japan und esse bereits ihren zweiten Reiskuchen. Dazu stellte sie ein Foto der Bucht von Tokio. Letzteres interessierte die Nutzer allerdings so sehr wie den Bild-Leserreporter ihre Privatsphäre. „Wo is Schweini?“, forderte ein Herr namens Rene die Tennisspielerin auf, umgehend mitzuteilen. Darauf folgten Kommentare, in denen es um Nazis und Penisgrößen ging.
So ist das heutzutage: Die Aufregung ventiliert immer nur bis zum nächsten Schwanzvergleich. Dann braucht der Homo-Socialmedius neues Futter.

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