Sehnsucht nach der alten Zukunft

Screenshot: Facebookseite mit Back-to-the-Future-Trilogie

Heute ist Back-to-the-Future-Tag: Vor 26 Jahren schickten Steven Spielberg und Robert Zemeckis einen Zeitreisenden in die Zukunft – exakt zum 21. Oktober 2015. Der heißt Marty McFly und musste zurück in die Zukunft, um seine Gegenwart zu retten. So einen könnte das Spektakel-Kino heute auch gut gebrauchen.

Als Marty McFly in die Zukunft reist, landet er in einer Welt des Sonnenscheins und der technischen Wunder. Skateboards rollen ohne Rollen, Sneakers schnüren sich alleine zu, Jacken schrumpfen auf die jeweilige Größe des Jackenträgers, der Weiße Hai springt in seiner 19. Auflage als dreidimensionales Hologramm über den Marktplatz. Ein Handteller-großer Teig-Rohling wächst im „Hydrator“ in Sekundenschnelle zu einer riesigen, duftenden Pizza heran und im Himmel über der Stadt kreuzen sich zwei mehrspurige Highways für fliegende Autos. Der Tag, an dem Marty McFly in der Zukunft landet, ist der 21. Oktober 2015.

Dem Fax gehörte die Zukunft
So haben sich die Filmemacher 1989 den heutigen Tag vorgestellt, als sie „Zurück in die Zukunft II“ in die Kinos brachten. Es war auch eine Zukunft, in der das Fax zum zentralen Kommunikationsmittel geworden ist und Computer vornehmlich dazu taugen, Speisekarten zu präsentieren und Bestellungen aufzunehmen. Handys, Smartphones gar, sind in dieser Kinozukunft – die heute unsere Gegenwart ist – kein Thema. Naja, man kann auch nicht alles vorhersagen, als Filmemacher.

Eine tolle Zukunft ist das, die Regisseur Robert Zemeckis und Produzent Steven Spielberg uns da damals präsentiert haben – pfiffig, verspielt, modern, sauber; aber all die tollen Erfindungen sind wertlos. Weiter gebracht zumindest haben sie die Menschen nicht. Die leiden, wie 1989, in unsicheren Jobs, kaputten Ehen, unter zu viel Alkohol – und der Sohn vom doofen Raufbold von nebenan ist der neue doofe Raufbold von nebenan. Man kann sagen, die Menschen in der Zurück-in-die-Zukunft-Zukunft haben an ihrem Bedarf vorbei erfunden. Das lässt auf eine herzig naive Verspieltheit schließen – Hauptsache edgy, Hauptsache anything goes. Auch auf der Leinwand sahen wir damals eine Zukunft, die es erkennbar so nicht gab, die sichtbar mit optischen Tricks zusammengeklöppelt worden war.

Lebloses Kino mit Wow-Effekten
Die Special Effects in „Zurück in die Zukunft II“ waren damals, 1989, State of the Art – aber schon damals waren sie deutlich als Bildtricksereien erkennbar. Das war aber nicht schlimm, weil der Film so spannend, witzig und originell war – naja, jedenfalls über weite Strecken – dass die getricksten Bilder als notwendiges Übel akzeptiert waren. Das würde heute nicht mehr passieren. Heute ist das andersrum.

Heute fliegen im Kino Autos und Menschen durch Hochhausschluchten oder toben Dinosaurier im Freizeitpark in perfekter Interaktion mit realen Schauspielern. Eine perfekte Effekt-Orgie, erfunden, um … tja, … um was eigentlich zu erreichen? Die Filme heute sind ganz unterhaltsame, dolle Spektakel, aber leblos. Das digitale Kino der Gegenwart ist inhaltlich so leer, wie die Erfindungen der Zurück-in-die-Zukunft-Zukunft gesellschaftlich sinnlos – digitale Verspieltheiten, Hochglanzhülle ohne Inhalt.

Verspielter Charme aus analoger Vergangenheit
Und plötzlich ist das schönste an „Zurück in die Zukunft“ aus dem Jahr 1989 gar nicht die schwindlig machende Schleife, die der Film durch drei Zeitebenen dreht. Das schönste an diesem Film – und an vielen anderen Filmen aus dieser analogen Vorzeit – ist die Nähe, die er im Kinosaal herstellte. Ihre charmante Unperfektheit ließ uns Zuschauer die physischen Mühen der verspielten Macher erkennen, die ihre Geschichte so gut wie möglich erzählen wollen – und mit Mühen im Alltag kennen wir im Kinosaal uns gut aus. Da sind wir sofort dabei, reagieren emotional, fiebern mit.

Die von jedem groben Korn gereinigten digitalen Bilder heute reißen uns aus dem Kinosessel und bieten auch gerne allerlei Wow-Momente; aber wir reagieren nicht emotional, behalten nichts im Herzen, weil da nichts ist – keine physischen Mühen erkennbar, keine Nähe schaffende Unperfektheit, nichts naiv Verspieltes. Wir brauchen anschließend die Blu-ray, um uns an einzelne Momente zu erinnern. Die Zurück-in-die-Zukunft-Trilogie können Frauen und Männer, die damals in ihren Zwanzigern waren, auch heute noch detailreich erzählen.

Früher war also wieder mal alles besser? Nee: Vieles war schlechter. Und deshalb besser. Ein bisschen mehr verspielte „Zurück in die Zukunft“-Utopie würde unserer Gegenwart gut tun. Jedenfalls dem Kino der Gegenwart.

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