Ein Minister kotzt sich aus

Frank-Walter Steinmeier bei Wutrede in Berlin

Na, da hat sich ja mal einer aus dem Fenster gehängt. Frank-Walter Steinmeier, Deutschlands oberster Diplomat, hat sich mal ausgekotzt und ein paar „Frieden, Frieden! Ihr Kriegstreiber!“ krakeelende Demonstranten nieder gebrüllt. 500.000 Klicks bei Youtube. Oder schon 700.000? Egal, auf jeden Fall etwa 1.000 mal so viele, wie sonstige Steinmeier-Videos so erreichen.

Kalkül? Echter Zorn? Wer weiß das schon? Schließlich ist Wahlkampf und das linker-Zeigefinger-rechter-Zeigefinger-Gefuchtel bei rauer Brüllstimme kennen wir von seinen Auftritten. Aber nicht so scharf.

In unserer auf Konsens gebügelten Gesellschaft geht das schnell nach hinten los. Konflikte werden klein gehalten, die Kritiker stigmatisiert. Nicht das Kritisierte ist möglicherweise mit Mängeln behaftet, sondern der, der die Mängel ausspricht. Und brüllen ist ganz schlecht. In Kaisers Zeiten wurde der Überbringer schlechter Nachrichten auch schon mal geköpft und damit war die schlechte Nachricht aus der Welt …

In der Merkel’schen Softeis-Republik der Alternativlosigkeiten hätte Steinmeier mit seinem Gebrüll auch am medialen Pranger enden können: „Wer brüllt, hat unrecht, Herr Steinmeier!“ „Wer Bürgern ihr Recht auf freie Meinung weg brüllt – und dabei mit dem Mikrofon auch noch der Stärkere ist – ist kein guter Demokrat, Herr Minister!“ Ist aber nicht passiert. Das Echo auf die Wutrede – lassen wir den Begriff Wutausbruch, der eine Spontaneität zwingend voraussetzt, mal beiseite – ist tendenziell eher positiv.

Warum ist das so? Darauf wusste Sidney Lumet schon 1976 eine Antwort. Lumet war Filmregisseur und hat zusammen mit seinem Autor Paddy Chayefsky die zeitlose Mediensatire „Network“ gedreht (hier meine Filmbesprechung). Darin hat der charmante News-Anchor Howard Beale – eine Art Claus Kleber der 1970er Jahre – so derart die Schnauze von allem voll, dass er vor der Live-Kamera allen zivilisierten Gesellschaftstüll fallen lässt und mal ordentlich abledert:


Tja … Arsch huh, Zängg ussenander … macht’s Maul auf!

2 Gedanken zu „Ein Minister kotzt sich aus

  1. Da rastet mal einer aus, schreit, wird laut, läuft rot an – und schon sind alle aus dem Häuschen. Beeindruckend ist aber in der Tat, mit welcher Leidenschaft er seine Grundprinzipien verteidigt. Hörenswert.

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