Superhelden zwischen Nietzsche und Vollkasko

Artwork: Captain America vs. Iron Man in Captain America: Civil War (2016) Artwork: Captain America vs. Iron Man in Captain America: Civil War (2016)

Superheld zu sein ist auch nicht mehr, was es mal war. Früher wurde man als Retter vor bösen Aliens gefeiert. Heute schimpfen alle, wenn bei der Rettung mal die halbe Stadt kaputt geht. Im jetzt startenden Captain America: Civil War sollen Superhelden zu Befehlsempfängern werden.

Das waren noch Zeiten, als Superman ein Auto hoch hob und gegen ein paar Straßendiebe schleuderte – die umstehenden Passanten applaudierten bewundernd. Heute rufen diese Passanten ihren Anwalt und verklagen den Superhelden auf Schadenersatz – wahlweise wegen des geschrotteten Autos oder wegen psychischer Langzeitfolgen aufgrund der erlebten Gewalt.

Eine zerstörte Großstadt als Kollateralschaden

Kürzlich hat Superman im Kino halb Metropolis zu Klump geschlagen; aus Versehen. Er musste da ein paar unverwundbare, superstarke Schurken von seinem Heimatplaneten Krypton davon abhalten, die Erde zu unterjochen. Das ging halt nicht ohne Kollateralschaden ab. Kurz vorher hatten es Captain America, Thor, Hulk, Iron Man und ein paar weitere Superhelden als „The Avengers“ ebenfalls mit Außerirdischen zu tun, die die Weltherrschaft anstrebten. Manhattan lag anschließend in Trümmern.

In dem Film The Avengers: Age of Ultron erfindet der Industrielle Tony Stark den Schlüssel zu Künstlicher Intelligenz; die mutiert, macht sich selbständig – und am Ende liegt eine mittelgroße Stadt in Osteuropa in Trümmern. Da war gerade vorher der supergeheime Spionageabwehrdienst S.H.I.E.L.D. an seinen Machtansprüchen erstickt – Trümmer-reich in die Schranken gewiesen von Captain America. Jetzt bekommen die Helden die Rechnung für all die Zerstörung. In Captain America: Civil War sollen Supermänner und Superfrauen an die Kette gelegt werden, zu Befehlsempfängern einer Behörde degradiert. Die Zeiten haben sich geändert.

Die bunten Helden wurden notgedrungen grauer

Trümmer hier, Tote da, vernichtete Existen überall – im nächsten Heftchen sah alles wieder aus wie zuvor und die Leser bekamen eine neue Actiongeschichte. So war das in den 1960er Jahren – Nachkriegsgeneration, Aufbaumentalität, Achtundsechziger. Damals erfanden Stan Lee, Jack Kirby und John Romita für den Marvel-Verlag Helden wie Spider-Man, Fantastic Four, Hulk, Daredevil oder die Avengers. In diesen frühen Jahren konnten die sich folgenlos prügeln, heute müssen sie vorher ein Führungszeugnis vorlegen.

Plakatmotiv: Captain America: Civil War (2016)

In die Fantasy-Welten der Comic-Helden hat der graue Realismus ihrer Leser Einzug gehalten. In der realen Welt dieser Leser wären alle Versicherungskonzerne der westlichen Welt pleite, wenn sie die Schäden der diversen Helden hätten begleichen müssen. Die einst bunten Helden wurden also grauer, leiden heute an Psychosen, trinken zu viel, schlagen die Ehefrau und müssen sich vor Versicherungsvertretern verantworten. Diese Nähe zum Leben ihrer Leser machten die Superheldengeschichten auch für ein erwachsenes Publikum attraktiv – die bunten Heftchen von früher mutierten zu Graphic Novels.

Der Einfluss der zwei Müller

Es waren vor allem zwei Müller, die ihn durchgedrückt haben – Frank Miller und Mark Miller. Mitte der 1980er Jahre erfand der Autor Frank Miller einen Batman, der an seinem Leben als Playboy und nächtlichem Rächer zwischen Killern und korrupten Stadtverordneten zugrunde ging. Damit eröffnete er der Figur viele neue Möglichkeiten. Das verprellte eingeübte Fans, öffnete den Charakter aber dem seriösen Feuilleton – endlich ein Psycho als Superheld.

Der andere, Mark Millar, wurde während des Studiums von der Comiclegende Alan Moore („The Watchman“, „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“) infiziert. Millar brach sein Studium ab und machte sich als Autor düsterer Comicabenteuer einen Namen. Von ihm stammt die Comicvorlage zu dem jetzt startenden Film Captain America: Civil War. Millar diskutiert dort das Selbstverständnis eines Superhelden durch. Die Gesellschaft stellt den Helden in Frage. Nietzsches Definition des freundlichen Übermenschen, der Gott ersetzt, hat ausgedient. Jetzt fragt der Normalmensch plötzlich: Wer beaufsichtigt diese Übermenschen? Wer kontrolliert sie? Wer bezahlt die Schäden?

Der Mensch stellt seine Götter in Frage

Das ist das Dilemma des Übermenschen: Die Menschen beten Götter an, aber nur solange die menschendienlich in irgendeinem Paradies vor sich hinwerkeln. Sobald sie nebenan einen Lkw hochheben, machen sie den Menschen Angst. Vor diesem Hintergrund entbrennt der titelgebende „Civil War“ – die Superhelden spalten sich auf: Iron Man, der mit der Künstlichen Intelligenz gerade erst einen ziemlich dummen Fehler gemacht hat, befürwortet eine Superheldenaufsichtsbehörde, Captain America, der gerade die Machtübernahme der Superbehörde S.H.I.E.L.D. überlebt hat, ist dagegen. Er misstraut staatlichen Überwachungs-Institutionen mit Allmachtanspruch. Dieselbe Wer-schützt-uns-eigentlich-vor-unseren-Beschützern-Frage hat kürzlich auch Batman V Superman aufgeworfen, sie aber gleich wieder unter Actiontrümmern erschlagen und unbeantwortet gelassen.

Die Serie rund um die Avengers – der jüngste „Captain America“-Film ist der 13. in der Reihe – erzählt ihr Drama mit leisen Zwischentönen und spiegelt aktuelle Themen wie Machtpolitik der Geheimdienste, nukleare Lust des Militärs. Die Macher bedienen sich einer Erzähltechnik, die sie sich bei den modernen TV-Serien abgeguckt haben. Es gibt einen alle Filme überspannenden Erzählbogen (da geht es, grob gesagt, um machtvolle, magische Steine, die Macht über das Universum ermöglichen), aber die einzelnen Filme unter diesem Bogen stehen für sich, erzählen eigene, abgeschlossene Dramen, wahlweise als Krimi, Action oder Komödie, ändern dauernd ihre Tonart. Angefangen haben sie mit einzelnen, sehr irdischen Superhelden und wie sie wurden, was sie sind. Dann kamen mit Thor Paralleluniversen und Götter hinzu, jetzt kämpfen die Figuren gegen machtpolitische Ansprüche, wie sie George W. Bushs Verteidigungsminister Donald Rumsfeld nicht besser hätte formulieren können.

„Zerstören, was wir aufgebaut haben“

„Wir haben das alles so schön entwickelt“, sagt Civil-War-Ko-Regisseur Joe Russo, „und den Leuten gefällt, was Marvel macht. Aber jetzt droht die Struktur sich zu wiederholen. Das heißt: Jetzt müssen wir die Struktur zerstören“. Die Produzenten nennen das ihre „Phase III“.

In der Comicvorlage zu „Civil War“ liegt am Ende der verhaftete Captain America – gehüllt in sein Star-spangled-Banner-Kostüm – tot auf den Stufen des Gerichts, das ihn als Verräter aburteilen sollte. Wie das im Film ist, bleibt mein Geheimnis, aber kommende zentrale Filmtitel der Kinoreihe lauten „Götterdämmerung“ und „Infinity War“.
Das wird für die übrig gebliebenen Versicherungen der westlichen Welt wohl kein Zuckerschlecken geben. Sie werden ähnlich viel verlieren, wie die Produzenten der Filmreihe in die Kassen gespült bekommen. Bis Mai 2019 sind neun weitere Superheldenfilme geplant.
Im Juli 2019 startet das Marvel-Studio den Testballon für eine mögliche Phase IV.

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