Überforderte Strategen

Wahlzettel zur Bundestagswahl 2013

Erstaunlich. Zum ersten Mal werden in diesem Wahljahr die Nichtwähler gedissed. Irgendeiner hat angefangen, die Medien, gelangweilt von ihren eigenen, immer gleichen Wahldramaturgien, sind aufgesprungen und jetzt ist der Nichtwähler nur noch unter Nichtwählern cool. Alle anderen finden ihn seit ein paar Wochen blöd und texten ihn mit Gründen zu, die alle auf ein „Man muss halt wählen. Woanders sterben Menschen für das Wahlrecht!“ hinauslaufen.

Ich persönlich glaube ja, dass man den überzeugt lustlosen Nichtwähler mit derlei Richtigsprech nicht ins Wahllokal bringt, wundere mich andererseits aber auch über das beliebte die-machen-doch-eh-was-sie-wollen, wenn es doch so illustre Vereinigungen wie die Bibeltreuen Christen oder die Autofahrerpartei oder irgendwelche Tierfreunde gibt, die man wählen könnte – ist ja für jeden was dabei auf dem Wahlzettel.

Eher glaube ich aber, die meisten, die nicht wählen, sind abgeschreckt, weil sie nicht wissen, wie das geht. Der aufgeklärte DU-MUSST-WÄHLEN-GEHEN-Drängler ist in den meisten Fällen identisch mit dem Wahlstrategen. Nie würde es dem in den Sinn kommen, die Partei zu wählen, die ihm am besten passt. Er wählt taktisch. Der findet beispielsweise die FDP zwar enddoof, glaubt aber auch, was Rainer Brüderle sagt „Wer Merkel will, muss auch FDP wählen“ – so als „Korrektiv, weißt Du“. Gleichzeitig wählt er die FDP in diesem Jahr aber nicht, weil die „ja wahrscheinlich nicht die Fünf-Prozent-Hürde nimmt“ und „zu verschenken“ hat er seine Stimme ja auch nicht.

Kompliziert auch Überlegungen zur Großen Koalition. Man kann natürlich einfach SPD oder CDU wählen und wenn beide dick genug sind, machen die – vielleicht – eine Koalition. Besser wäre allerdings dann, die SPD zu wählen, weil die, gebeutelt vom Trauma der letzten großen Koalition, in der sie verloren ging, eine breite Brust für Koalitionsverhandlungen braucht – andernfalls würde sie sich vielleicht einfach verweigern. Man kann aber auch – sagen die Auguren und Strategen – die AfD wählen. Wenn die in den Bundestag einzöge, bekäme man aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Große Koalition plus einer überraschend starken „Protestpartei“ im Parlament. Und wenn Du Rot-Grün willst, wähl‘ besser Grün. Die erhöhen zwar die Steuern, aber die SPD darf nicht stark genug für eine Große Koalition werden.

Hätte, hätte, Fahrradkette! Das Blöde an all dieser Taktik ist, dass man in jedem Fall Aufklärung erst dann bekommt, wenn’s zu spät ist, umzuschwenken, nämlich am Sonntagabend um 18.00 Uhr mit der ersten Prognose „nach Schließung der Wahllokale“.
Wäre ich Erstwähler, also dem Flegelalter noch nicht ganz entkommen, ich würde wahrscheinlich den Steinbrück machen: „Ihr spinnt doch alle!“

Vielleicht sollte niemand altruistisch strategisch taktisch wählen, sondern einfach – quasi egoistisch – die Partei, die ihm am meisten zusagt. Und wenn diese Partei dann nicht an die Regierung kommt? Na und? Das ist hier eine Demokratie. Es ist DEINE Stimme und es ist DEINE Wahl. Nur darum geht’s. Eigentlich.

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