Diese Jugend von heute

Schüler-Reporter im Klassenzimmer der Zukunft auf der Buchmesse Frankfurt

Wir Journalisten sind schon zynische Arschlöcher. Hauptsache: schlecht. Katastrophen verkaufen sich gut, lernen wir – was unseren Lesern und Zuschauern gegenüber so respektlos ist wie dieses Sex sells (und wir wurden zu Zynikern in diesem Beruf, weil wir lernten, dass sich Katastrophen mit Fotos von Feuerbällen wirklich besser verkaufen, als Happy-Go-Lucky-Journalismus – dass es uns gut geht, wissen die Leser schließlich auch ohne uns).

Also schreiben wir über Bildungsmisere und deren Cousine, die Bildungsferne, berichten über Null-Bock-Jugend und Generation Praktikum. Wir Journalisten, die sowas schreiben, sind dann meistens eher so meine Generation, also ab 45 aufwärts – oder eher ab 45 abwärts, wie die kreative Jugend sagen würde. Liest man ab und zu die jetzt, das SZ-Magazin für junge Leute, könnte einem auffallen, dass die Autoren dort zwar über allerlei ausgefeilte Probleme ihrer Generation schreiben, Bildungsferne, Praktikumsflut und sowas aber nicht dazu zu gehören scheinen.

Kann es sein, dass wir Graumelierten und Weißhaarigen – zwar im Grunde und theoretisch, jaja, irgendwie natürlich – wissen, dass die nächste Generation halt einfach von klein auf gelernt hat, dass Wohnen in eigener Wohnung (statt Wohngemeinschaft) halt die Hälfte des Gehalts frisst, dass lebenslanges Arbeiten beim selben Arbeitgeber so old school ist wie Telefon mit Wählscheibe und ein eigenes Auto zu haben, ungefähr so sexy wie ein seit drei Tagen totes Meerschweinchen; und wir Alten mit diesem Wissen aber praktisch so rein gar nichts anfangen können, weil wir uns in unserem das war doch immer schon so nicht mehr vorstellen können, dass, weil man nun mal so lebt, auch ohne zu fragen so leben will? Schon, weil man es anders gar nicht kennt?

Die zynische These von den bildungsfernen Null-Bock-Praktikanten scheint arg verfehlt. Aber ich schweife ab.

Schüler-Reporter im Klassenzimmer der Zukunft auf der Buchmesse Frankfurt

Zwei Tage im Klassenzimmer der Zukunft, zwei Tage mit jungen Leuten zwischen 8 und 18, die sich im Journalismus ausprobieren wollen und ich erlebe ausschließlich Lust am Erzählen, Neugier, bebende Aufregung, das erste Interview zu führen, für Umfragen wildfremde Menschen – auf der Buchmesse häufig intellektuell schwebende Ältere mit lustigen Hüten und weiten Seidenschals – vor laufender Kamera anzuquatschen.

Null Bock? Okay, Schreiben ist im Zeitalter totaler Audiovision offenbar kein Primärinteresse mehr. Aber Bock zu erzählen, zu machen, haben die alle.

Schon klar, das Brennglas auf die Null-Bock-Generation ist ebenso verkratzt wie das auf die Schüler-Reporter in meiner Gruppe; die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen und die im Journalismus tätigen Eltern unter meinen Lesern werden seit zwei Absätzen die Stirn runzeln und fragen, wovon zum Teufel ich da eigentlich rede – bevor sie dann morgen wieder lauter Katastrophen-, Reichsbürger- und Donald-Trump-Schlagzeilen produzieren.

Vielleicht muss man Journalist ohne eigene Kinder sein (also einer, der nicht die Euphorie-Explosion erlebt hat, wenn das Kind zum ersten Mal Papa sagt, zum ersten Mal die Schuhe selbst bindet, zum ersten Mal einen vollständigen Satz mit Nebensatz formuliert), um diesen speziellen Spaß zu empfinden, den die Arbeit mit jungen Leuten macht.

Ich finde das noch super, wenn die was mitnehmen von dem, was ich ihnen sage, und sei es nur bis zum Ausgang der Buchmesse. Ich kriege noch eine Gänsehaut, wenn sie hinter mir hörbar die Luft einziehen, weil sie an meinem Bildschnitt plötzlich erkennen, was sie aus wackligem Rohmaterial alles machen können und sie aufsaugen, was der Alte ihnen da erzählt.

  • Im Klassenzimmer der Zukunft lernen die Schüler spielend …
  • … wie einfach man mit Schwarz, Weiß, Rot, Blau und Grün …
  • … Roboter – die OzoBots – in die gewünschte Richtung steuern kann.
  • In Großbritannien ist „Coding“ längst ein Unterrichtsfach.
  • Die Kinder lernen spielerisch Teamfähigkeit und Sozialkompetenz, sowie Mathematik und Medienkompetenz.
  • Nebenan wartet Ono, der Social Robot aus den USA.
  • Mit Ono heißt es: „Build a friend!“
  • Die Schüler lernen: Wie ich in den Wald hinein rufe – bzw. programmiere …
  • … kommt es als Gesichtsausdruck wieder heraus.
  • Huch! Einen Tisch weiter entwerfen die Schülerinnen Comics!
  • „Deutschland mit meinen Augen entdecken“, steckt dahinter.
  • Kommunikation ohne Worte hilft, Sprachbarrieren abzubauen.
  • Nochmal Roboter.
  • Wie aus kleinen Dateien am Computer große Raupen werden.
  • Simple Codes lassen …
  • … hoffentlich …
  • … den Roboter fahren!
  • That‘s‚ a Story! Junge Journalistinnen notieren …
  • … was ihre Mitschüler erleben …
  • … und machen dann einen Beitrag daraus.
  • Medienkompetenz erfahren à la Klassenzimmer der Zukunft.

Daraus mag Input für einen engagierten Videoreporter werden. Vielleicht. Eher nehmen sie ein etwas besseres Bild- und Erzählverständnis mit nach Hause, für etwas besser in Form geschnittene Urlaubsvideos – vielleicht ist es auch nur, dass sie mitnehmen, dass Hochformat-Videos vom Smartphone einfach scheißiger aussehen als Querformat-Videos vom Smartphone – dann hätte ich echt was erreicht.

Ich frage mich, ob die Jungs und Mädchen in 30 Jahren auch sagen Früher war alles besser? Wo soll denn nur die Entwicklung dann um Gottes willen noch hinführen?

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