MRG-Boot vor dem Markusplatz
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Bootsspektakel in der Lagune

Eine Geschichte, die von Wassersportlern in der Wasserstadt Venedig handelt, mit Wasser zu beginnen, klingt nicht sonderlich originell, ist in diesem Fall aber naheliegend.

Pfingsten 2024: Elf Mitglieder der Mainzer Ruder-Gesellschaft fahren nach Venedig, um an der Vogalonga teilzunehmen, einer 30-Kilometer-Tour quer durch die Lagune und über den Canal Grande in zwei gesteuerten Gig-Vierern.

Wir starten am Donnerstag vor Pfingsten. Die Fahrt nach Venedig ist lang, 967 Kilometer, sagt das Navi unseres Kleinbusses. 13 Stunden sitzen wir darin sowie in einem weiteren SUV. 13 Stunden, in denen es ununterbrochen regnet. Es regnet auch noch, als wir abends in Mestre von unserem Hotel zum Restaurant laufen, in dem wir einen Tisch bestellt haben. An einen Regenschirm im Koffer für Bella Italia haben wir nicht gedacht. Im Restaurant kommen wir alle komplett durchnässt an, die Wirtin verteilt großzügig Handtücher unter dem Garderobenständer, an dem unsere Jacken ihren Parkettboden nass tropfen. In der folgenden Nacht schläft der ein oder die andere bei heiß gedrehter Klimaanlage, um Schuhe und Jeans bis zum Morgen trocken zu bekommen.

Am Freitagmorgen scheint die Sonne. Und sie tut das mit den nächtlichen Unterbrechungen bis einschließlich Pfingstmontag. Als am Sonntagmorgen um 9 Uhr ein Kanonendonner das Startsignal zur 48. Vogalonga gibt und sich vor dem Markusplatz rund 2000 Ruderboote, Kajaks, Kanus, Drachenboote, Gondeln, Stand-Up-Paddler, Wasserfahrräder und andere mit Muskelkraft betriebene Wasserfahrzeuge auf die Strecke begeben, leuchten sanfte Cirruswolken am blauen Firmament – und die Stadt Venedig hat für diesen einen Tag ein Verbot für Motorboote verhängt.

Venedig

Die „Vogalonga“, übersetzt „langes Ruder“, ist aus einer Protestbewegung venezianischer Bürger hervorgegangen, die es 1974 leid waren, dass ihre schöne Lagune von immer mehr Motorboten aufgewühlt wird. Über die Jahre hat sich die Protestbewegung zu einem perfekt organisierten Großereignis mit Volksfestcharakter gewandelt. Im Regattabüro in der Salizzada de la Chiesa o del Teatro (San Marco, 3998) werden die eintreffenden Wassersportler freundlich und organisiert begrüßt, verwaltet und mit Startnummern und Vogalonga-T-Shirt ausgerüstet. Am Tisch nebenan gibt es Nylonsäcke, Caps, Buffs, Funktionshirts und Hoodies zu Preisen zwischen fünf und 25 Euro zu kaufen. Das Geschäft brummt. An einer Vaporetto-Station geht uns A. im Gewühl der Gassen verloren, er findet per WhatsApp-Ortung wieder zu uns. In der Folge entwickelt sich die Frage „Wo ist A.?“ zum geflügelten Wort.

Zwei Tage lassen wir uns durch diese grotesk schöne Stad treiben, mal alle gemeinsam, mal in Grüppchen oder auch allein. Es sind wunderbar entspannte Tage zwischen engen Gassen, weltberühmten Fotomotiven und kleinen Bars mit berauschender Aussicht. Für den Freitagnachmittag ist eine zweistündige Stadtführung organisiert, von der wir neben Neuigkeiten über die Dogen, die Bedeutung ihrer Bärte, deren Hände auf anderen Schultern und Dolchen in Gewändern auch die Information mitnehmen, welche Dachterrasse in der gleichnamigen TV-Serie den Balkon des Commissario Brunetti darstellt. Nicoletta, unsere Stadtführerin, versichert, dass es sowas wie diesen Commissario Brunetti in Wirklichkeit gar nicht gebe, reine Erfindung „einer Amerikanerin“ sei. Aber das haben die meisten von uns schon gewusst.

Wir sind mit zwei Booten auf dem Wasser. Die Boote riggern wir in Mestre auf, auf dem Gelände eines Ruder- und Segelvereins westlich der Stadt Venedig; zu den 30 Vogalonga-Kilometern kommen für uns also noch zwei mal sechs Kilometer Anfahrt dazu. Auf dem Wasser gelten klare Verkehrsregeln, werden aber in Venedig, das haben wir schon in den Tagen zuvor auf dem Canal Grande beobachtet, auf dem sich Wassertaxen, Vaporetti, Gondeln und private Bootsführer in einem eleganten Navigier-Ballett um den knappen Platz rangeln, eher als freundliche Anregung interpretiert; die Teilnehmer der Vogalonga schließen sich diesem freien Spiel der Kräfte an. Wege werden geschnitten, holzbrecherisch nah überholt und eher verträumte Teilnehmer halten schon mal unerwartet an, um bei einer guten Möhre über das Ereignis zu sinnieren und dabei eine Engstelle zu blockieren.

Die Insel Venedig – streng genommen muss man sagen: der Inselhaufen, aus dem sich Venedig zusammensetzt – sieht von oben aus wie ein Fisch: links bilden Eisenbahnterminal und gigantische Parkhäuser das Maul, rechts die Inseln Castello und Isola Sant’Elena die Schwanzflosse des Fisches. Um diese rudern wir in einer großen Linkskurve herum, in der alle Boote in die Innenbahn ziehen und sich gegenseitig ausbremsen. Bis hierher war das Wasser kabbelig und rau, ein paar Wellenklatscher in den Rücken bleiben nicht aus und werden ungnädig kommentiert. Als wir die Inseln La Certosa, Le Vignole und Sant’Andrea auf steuerbord passieren, ist das Wasser ruhiger, wird aber die befahrbare Wasserstraße sukzessive schmaler; an der Insel Sant’Erasmo, auf der das Gemüse für Venedig angebaut wird – gerühmt werden von Eingeweihten junge Artischocken und der grüne Spargel – passen keine zwei Boote mehr nebeneinander.

Burano, die Insel im Nordosten der Lagune, die berühmt ist für ihre fein geklöppelte Spitze und ihre bunten Häuser, markiert den Wendepunkt der Tour. Die bunten Häuser sollen von den Frauen angemalt worden sein, damit ihre zur See fahrenden Männer die Heimat schon von Weitem erkennen können. Ernest Hemingway hat über Burano gesagt: „Eine kleine, schrecklich überbevölkerte Insel, auf der die Frauen wunderbare Spitze und die Männer Bambini herstellen.“

Hinter Burano legen wir uns an den Rand der Fahrrinne und öffnen unsere Provianttonne.

In weitem Bogen nähern wir uns Murano, der Glasbläser-Insel. Die findigen Venezianer hatten ihre mit Feuer und großer Hitze betriebenen Glasmanufakturen auf diese Nachbarinsel verbannt, um im immer mal wieder auftretenden Fall eines Brandes nicht ihre eigene Insel zu gefährden. Die Angst eines Großfeuers begleitet Venedig durch die Jahrhunderte. In den Palazzi, die die vielen Kanäle der Stadt säumen, bauten die Menschen ihre Küchen ins oberste Stockwerk – sollte das Feuer im Ofen auf die Küche übergreifen, würde so wenigstens nur der Dachstuhl ausbrennen, nicht gleich das ganze Haus.

Durch Murano fahren wir einmal quer durch. Links und rechts des Kanals reiht sich ein Glasladen an den anderen, manche bieten kunstvolle Kreationen, viele eher Touristentinnef. Als wir durch Murano durch sind, hat sich der Pulk aus 2000 Wasserfahrzeugen entzerrt, die Lagune weitet sich, wir haben viel Platz, nähern uns aber mit langen Schlägen der steuer- und rudertechnisch anspruchsvollsten – weil engsten – Ecke der Strecke: die Einfahrt in die Stadt Venedig über den Canal Cannaregio. Alle Boote und SUPs müssen sich wie an einer Perlenschnur aufreihen und sich hintereinander in den Kanal bugsieren. Carabinieri steuern das Chaos von ihren Motorbooten aus, im Wasser schwimmen mit Helmen bewehrte Ordner, die die Fahrzeuge nötigenfalls nach links oder rechts schubsen. Auf beiden Seiten des Kanals und auf den Brücken stehen hunderte Menschen und jubeln den Ruderern und Paddlern zu. Auf der Rialtobrücke über den Canal Grande stehen die Menschen in Dreierreihen hintereinander, klatschen und johlen, in den Fenstern mancher Palazzi winken deren Bewohner uns zu – wir sind ein Grund zum Feiern in der Stadt.

Rudern auf dem Canal Grande

Im Ziel vor dem Markusplatz werden wir, identifiziert anhand unserer Startnummern, der Stadt lautstark und einzeln mit vollem Namen vorgestellt. Dann schmeißt uns ein Ordner eine weiße Plastiktüte mit den fünf Vogalonga-Medaillen ins Boot und wir rudern heim nach Mestre.

A. ist nicht nochmal verloren gegangen. Als wir am Dienstag nach Pfingsten morgens kurz nach 5 Uhr in unsere Autos steigen, um heimzufahren, regnet es wieder wie aus Kübeln.

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