Die lange Flucht vor dem Wissen, wie es ist

Große Drei-Brücken-Tour

Beim Zahnarzt. Eindreiviertel Stunde, 105 Minuten. Länger als ein durchschnittlicher Woody-Allen-Film. Sie bohrt, schleift, macht Abdrücke, nee, tut nicht weh. Ich lass mir eine Spritze geben und gut ist. Eine neue Azubi, Inderin? Schwarze Glutaugen. Die andere Assistentin kenne ich schon, blond, blauäugig, jung, cool. Gefällt mir. Sitze einen Woody-Allen-Film lang unbeweglich da mit Maulsperre. Bohren, Schleifen, absaugen, „mal beißen, bitte“, die Azubi blickt’s noch nicht, macht Fehler und wird zickig; „ist sie immer, wenn es auf den Feierabend zugeht“, sagt die coole Blonde. Ich muss raus aus diesem Stuhl, mich bewegen. „Fertig für heute. Haben Sie schon einen neuen Termin?“ „Nein.“ „Das Labor braucht zehn Tage für die Krone.“ Neuer Termin. Tschüss. Bewegung bitte.

Laufschuhe an, Kopfhörer auf die Ohren, Avatar
Zuhause ziehe ich die Laufklamotten an, den Kopfhörer über, meine Lauf-App spielt die Wiedergabeliste „Soundtrack, Große“. Mit Avatar gehe ich auf die ersten Meter. Die Beine bewegen sich gut, nicht so steif, ich komme gut rein, ich glaube, ich laufe heute die Drei-Brücken, ich brauche Bewegung, die letzten Tage waren bescheiden. Kollege A geht mir auf den Nerv, Hauptsache, die Headline ist knackig und verführt zum gezählten Klick. „Zwei Kilometer zurückgelegt“, erinnert mich die Lauf-App, 6:18 Minuten pro Kilometer, holla, überdreh es nicht. Hans Zimmer donnert seinen Batman-begins-Score, klasse Film, super Soundtrack, das Ergebnis von leidenschaftlicher Arbeit. Bei uns? „Geht nicht.“ Solche Gespräche enden mit dem Hinweis „Weißt ja, wie es ist!“ Multimedial erzählte Stories? Läuft nicht auf allen Plattformen. Vergiss es. „Weißt ja, wie’s ist!“ Und das noch 13 Jahre? ”Fünf Kilometer zurückgelegt.“

Die Brücke in Kostheim. Ich schwächele ein bisschen. Ist eine lange Steigung hier. Dave Grusins Memphis Stomp aus „Die Firma“ treibt mich vorwärts.
„Mach mal die Merkel-Juncker-Nummer“, „Da ist doch gar nichts Neues“, „Egal, wir brauchen Bewegung auf der Seite“. Kästchenausfüller. Wegducker. Mundhalter.
Die Strecke am Rhein im Gegenlicht des Sonnenuntergangs ist wunderschön, mir kommen lauter lächelnde Jogger entgegen – und Joggerinnen; viele tragen Pferdeschwanz, der im Takt der Schritte wippt. War ich eigentlich zu plump bei B, mit dem Kompliment? Das Kleid steht der wirklich! Denkt die jetzt, „was will der denn“? Wenn die nur mal irgendwie ein Signal sendete. Oder sendet sie und ich merke es bloß nicht? Habe keine Übung in so was. Scheiß Signale. Theodor-Heuß-Brücke. Laufe ich rüber und heim?

Ein Puls von 137, während ich unterwegs bin an Rhein und Main rund um Mainz

„Willst Du mit mir gehen? Ja! Nein!“ Und heute? Signale!
Nein, wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch mal die große Runde versuchen, bis zur Kaiserbrücke und gucken, wie weit das ist. Bewegung. Wieso kann ich nicht einfach sagen was ist? Wie früher „Willst Du mit mir gehen? Ja. Nein.“ Hätte sie Interesse, würde ich das wahrscheinlich merken. Die könnte doch wenigstens mal was sagen, bemerken, dass ich anwesend bin. „Neun Kilometer zurückgelegt“, 6:53, ich werde langsamer, na kein Wunder. Neun Kilometer! John Powells Score-Mix aus Knight and Day hält mich auch auf Trab. Habe ich selbst montiert. Müsste ich viel häufiger mal machen, habe so viele Scores, in denen ich zwei Minuten monstermäßig finde und die anderen sieben wartend in Kauf nehme, da loope ich vielleicht lieber die zwei Minuten und mixe noch was rein. Aber wann soll ich das machen?

Da liegen noch zig Filme, die ich gucken und besprechen will, für meine Homepage – meine persönliche Maßnahme gegen das Weißt-ja-wie-es-ist-Leben –, etwa zehn Serien, die meiner Aufmerksamkeit harren, es ist Spargelzeit und Anfang Oktober will ich den Marathon von Leverkusen nach Düsseldorf rudern, auch das braucht Zeit zur Vorbereitung. „12 Kilometer zurückgelegt“, die Kaiserbrücke ist geschafft, wieder auf meiner Rheinseite, bin fast daheim und auch froh, wenn ich da bin; ist anstrengend jetzt. Der lange Lauf zu mir selbst, wie bei Joschka Fischer?

Und nach dem Laufen dehnen nicht vergessen

Ich will das gar nicht wissen
Eher der lange Lauf weg von diesem Weißt-ja-wie-es-ist-Leben. Ich will überhaupt nicht wissen, wie es ist. Aber ich wüsste gerne, ob B mir nun Signale gesendet hat und wenn Ja, welche. Die App spielt „Recognizer“ aus dem Tron: Legacy-Soundtrack von Daft Punk. Wollte ich dieses Frauending nicht lassen? Wat kütt, dat kütt!? Eben! Interpretieren bringt ja doch nichts. „Training beendet. 14,1 Kilometer zurückgelegt. Zeit eine Stunde, siebenunddreißig Minuten, 43 Sekunden.“

So weit bin ich noch nie gelaufen.

1 Gedanke zu „Die lange Flucht vor dem Wissen, wie es ist

Anderer Meinung? Hier können Sie sie formulieren,