Ich, Idiot!

Hartung verabschiedet sich in den Vorruhestand

„Journalisten sind Leute, die ein Leben lang darüber nachdenken, welchen Beruf sie eigentlich verfehlt haben“, sagte Mark Twain. Und jetzt? Ich beende gerade mein Journalistenleben – naja, zumindest das von Dienstplänen vorbestimmte – und weiß immer noch nicht, welchen Beruf ich verfehlt habe.

„Alles auf Los!“ nach 34 Jahren

Schauen Sie, ich arbeite seit 33 Jahren und jetzt stehe ich vor dem Vorruhestand. Und jetzt? Während sofort der Chor der Barrikaden-gestählten Alt-68er anschwillt, die mir mit bildungsbürgerlichem Schaum vor dem Mund ein First-World-Problem, ein Luxus-Problem attestieren, sage ich „Ja! Trotzdem ist es ein Problem – wenn auch nur meins!“

Hartung verabschiedet sich vom ZDF-Nachrichtenstudio

Vor 33 Jahren bin ich ins Arbeitsleben eingestiegen … okay, streng genommen vor 34 Jahren. Damals begann ich damit, den Bereich der Flugbereitschaft des Bundesministers der Verteidigung, des BMVg, am Flughafen Köln-Wahn zu bewachen – am Ende als Obergefreiter; zu diesem Ende hin wusste ich, wenn Genscher kommt, der war damals Außenminister, stehe ich viele Stunden im Regen, weil der Genscher immer zu spät kommt – mindestens vier Stunden – und während avisierter Minister- oder Kanzlerankünfte durfte der Mann auf Posten nicht gewechselt werden, bis Minister/Kanzler im Flugzeug saß. Wenn Schmidt kam, Helmut Schmidt – der stand vor dem Ende seiner Kanzlerschaft, was aber noch niemand wusste – dann war ich einer von wenigen in der Bundesrepublik, die wussten, dass die Silhouette des Mannes mit der Pfeife und der Prinz-Heinrich-Mütze im Fond der Staatslimousine mit getönten Scheiben, die auf das Flugfeld zu der bereit stehenden 707 rollte, nicht unbedingt der Kanzler war; häufig schickte die Sicherheit einen Doppelgänger, es war 1982, der Deutsche Herbst mit den RAF-Morden war noch nicht so lange vorbei. Das wusste ich, genauso wie ich wusste, dass ich im nächtlichen Lichtkegel meines Wachpostens am Flughafen Köln-Wahn für eben jene RAFler mit Zielfernrohr ein absurd leichtes Ziel war.

Hartung bei der Flugbereitschaft BMVg

Wolfgang Petersen einen Take versaut

Das war irgendwie mehr Abenteuergefühl als reale Gefahr. So richtig ernst genommen hatte ich das richtige Leben nie – immer Angst vor irgendwas Eingebildetem, aber nie vor dem realen Ende; so war ich erzogen, inklusive der 70er-Jahre-Lehre, dass „Frau, Kinder, Eigenheim“ wie von selbst in mein Leben einziehen würden (ich war, wie mein späterer Freund Markus S. sagen würde, ein privilegiertes Kind scheiß-bürgerlicher Mittelklassespießer); ein Glaube, der gefestigt wurde dadurch, dass ich schon als Teenager nahezu jede Woche ins Kino ging, weil mir das gezeigte Leben auf der Leinwand besser gefiel, als das draußen vor der Tür.

Das Leben da drin im Kino wollte ich konservieren und also wollte ich Regisseur werden und also begann ich meine berufliche Laufbahn in den Bavaria-Studios in München und als ich da anfing … drehte Wolfgang Petersen gerade die letzten Szenen der „Unendlichen Geschichte“, deren zentrales Thema sich um die Erkenntnis dreht „Mach, was Du willst. Aber finde um Gottes willen erst heraus, was Du wirklich willst!“ Später, bei den Dreharbeiten zu „Enemy Mine“, einem völkerverständigenden Weltraumfilm, habe ich Petersen einen Take versaut; da musste Dennis Quaid ein von vier Puppenspielern animiertes Alienbaby füttern, als ich in die Studiohalle stolperte und der Windzug hinter mir die Tür ins Schloss knallte … damals wurde noch mit Originalton gedreht, die Szene war Schrott, Petersen hanseatisch unterkühlt. Trotzdem tauche ich später als Statist im Film auf, als Aliensklave in einer Mine.

Hartung als Fahrer bei der Kinoproduktion Enemy Mine

Weltstars vor meinem Mikrofon

In diesem Filmgeschäft, das noch keine Daily Soaps, keine Talentshows und keine Scripted-Reality-Formate kannte, weil es die Sender, die sowas zeigen, noch nicht gab, holte mich die Realität des wirklichen Lebens schnell ein. Während meine Bewerbung an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) zwei Jahre in Folge zurückgewiesen wurde, hatte ich allerlei Erfahrung an Filmsets gesammelt – Beleuchterhilfe, Aufnahmeleiterassistent, Fahrer und solche Sachen – und den süßen Geschmack selbst verdienten Geldes schätzen gelernt (und man verdiente als junger Mensch in seinem Traumberufsambiente nicht soo schlecht).
Aber ich steckte fest und bald blieben die Anschlussbeschäftigungen aus und ich war … arbeitslos! Was ich nicht soo schlimm fand, weil – häy –„Frau, Kinder, Eigenheim“, das kommt ja sowieso.

Ich erspare Ihnen die Schilderung meiner Odyssee durch Selbsttäuschung und eingebildeter Zwanglosigkeit zur Selbstfindung (es war auch dies als Erfahrung wertvoll und irgendwie thrilling) – 1987 im Mai jedenfalls landete ich im Radio. Heute werden selbst in kleinen Lokalradios Staatsexamen, Volontariate, Praktika, ein Auslandssemester, sieben Jahre Berufserfahrung und maximal 22 Jahre im Personalausweis verlangt. Damals, 1987, reichte, was der Studioleiterin bei Radio Charivari, München, 95,5 aufgefallen war: „Du hast eine gute Stimme, Du kannst bleiben.“ Da war sie wieder, die zwanglose Gewissheit, mir könne nichts passieren – Stichwort: „Frau, Kinder, Eigenheim“. Im Radio habe ich dann gemacht, was der Volksmund Kino im Kopf nennt, Beiträge mit allem, was das Sounddesign und das Mischpult damals hergaben – da war ich dann mein eigener Regisseur mit eigener Filmsendung, Reportagen, Interviews, Treffen mit Sean Connery, Kim Basinger, Michael Keaton, Uma Thurman, George Clooney, Priscilla Presley, Bruce Willis, Michelle Pfeiffer, Steven Spielberg, Leslie „Die nackte Kanone“ Nielsen, Steve Martin, Liam Neeson, Mario Adorf, Ben Becker, Nena, Bernd Eichinger, ich habe live von der Oscar-Verleihung aus Los Angeles berichtet und mehrfach von den Berliner Filmfestspielen – ich habe mit vielen der Helden, deretwegen ich zum Film wollte, gesprochen.

Und zwischendrin noch ein Multiplexkino

Ich bin dem Journalismus treu geblieben, auch wenn ich dazwischen nochmal in ein Kinounternehmen gewechselt bin, mit dem ich das erste Multiplexkino in Hessen aufbaute (und später noch vier weitere Häuser), wo ich maßgeblich an der Erfindung beteiligt war, TV-Ereignisse live auf die Leinwand zu beamen – die Fußball-EM 1996, die Deutschland mit Oliver Bierhoffs Golden Goal für sich entschied auf den Leinwänden des KINOPOLIS Main-Taunus war eine echte Weltpremiere.

Hartung im ZDF

Jetzt bin ich 55 Jahre alt und werde nach 14 abwechslungsreichen, arbeitsintensiven, multimedialen Jahren in der ZDF-Redaktion www.heute.de in den Vorruhestand verabschiedet – ich habe eine Menge erlebt und gemacht in diesen 34 Arbeitsjahren und sitze jetzt in der Freiheitsfalle. Ich bin frei von den Zwängen eines Dienstplans, befreit von Entscheidungen, welches Ereignis werthaltig genug ist um darüber eine Nachricht zu machen; befreit längst auch von der Suche nach Frau, Kinder, Eigenheim.
Aber frei für was? Um machen zu können, was ich will, muss ich erst wissen, was ich will – wie einst Bastian Balthasar Bux in der Unendlichen Geschichte.

Ich bin jetzt ein Idiot! Der Begriff „Idiotes“ kommt aus dem Altgriechischen und heißt soviel wie „Privatmann“, einer, der sich nur noch um seine Angelegenheiten kümmert. Im militärischen Bereich wurde er lange auch für Personen verwendet, die als einfache Soldaten keine Befehlsgewalt hatten. So wie ich ganz zu Anfang bei der Flugbereitschaft BMVg.

Der Kreis schließt sich. Die Suche nach meiner Berufung beginnt aufs Neue.

Hartung beginnt ein neues Leben

1 Gedanke zu „Ich, Idiot!

  1. Ahoi Christoph.

    Neues Design, neues Lebens. Sehr smart. Das mutet doch schon mal alles sehr vielsprechend an. Und endlich wird die Schatzkiste vergangenen Zeiten etwas gelüftet, lass da ruhig noch mehr Geschichten raus:-) Ich freu mich auf weiteres – etwa auf eine schmissige, unterhaltsame, wortgewaltige und abgedrehte Serie, am Ende rund um eine Nachrichten-Redaktion.

    Setze die Segel
    Kai

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