Urlaub
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Temperatursturz
„Kannst Du meinen Pullover mitbringen? Der liegt in der mittleren Schublade!“, ruft P. ihrem Vater hinterher, der sich seinen Jack-Wolfskin-Sweater holen geht. Wir sind auf La Gomera. Die Zeit: etwa 23 Uhr. Temperatur: um die 25 Grad. Celsius. Reinhard friert, fürchtet um seine Fitness, wenige Stunden bevor er morgen ein zweites Mal auf das Rad steigen möchte. „Ideale Rahmenbedingungen“, hat wetteronline.de ihm versprochen. „Boah, beim Anstieg nach Arure habe ich leichten Gegenwind, das ist der Hammer!“, freut er sich. Gegenwind? Auf dem Fahrrad?? Wenn’s bergauf geht??? Ja, sagt Reinhard, bei Fahrtwind im Rücken „fließt einfach nur die Soße, da isses heiß und Du schwitzt.“ Ätzend. Deswegen möchte er sich heute…
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Flex
„Wie war der Urlaub?“ „Du, Super! Also echt, diese Ruhe … das kennt man ja hierzulande gar nicht mehr! Du, Totenstille. Morgens nur das Rauschen des Meeres.“ Das ist alles gelogen. Wenn einen nicht sowieso einer der etwa 63 präpotenten Hähne aus dem Bett kikerikiiieet hat, dann nur, weil man am Abend vorher doch zwei Gläser Wein mehr getrunken hat, als unbedingt nötig gewesen wären. Aber dann schafft einen die Flex! Der Spanier und sein Schleifgerät bilden eine Liebesgeschichte für sich. Es vergeht kein Tag, nein: Es vergeht kein Morgen, an dem nicht irgendwo auf der Insel ein Gomerianer früh morgens zu seiner Schleifmaschine greift und irgendetwas schleift – und…
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Phubbing
Es stimmt tatsächlich. Wenige Tage nach unserer Ankunft hier tauchte in den deutschen Medien plötzlich der Begriff phubbing auf. Beschrieben wurde der Umstand, dass mehrere, meist junge Menschen um einen Tisch sitzen und jeder auf sein Handy starrt. Das Kunstwort setzt sich zusammen aus „Phone“ und „snubbing“, was englisch ist und „vor den Kopf stoßen“ heißt. Während meine Reisegruppe heute zum Wasserfall wandert – eine schöne, aber beschwerliche Strecke, die ich im vergangenen Jahr kennenlernte – bin ich zum Frühstück nach La Playa spaziert. An den Nebentisch setzt sich eine Familie – Papa mit BVB-T-Shirt, Mama mit hennarotem Kurzhaar sowie zwei Töchter, die eine auf dem Endlich-richtig-Party-Sprung, die andere verharrt…
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Brunftzeit
Glatte Haut. Knappe Bikinis. Coole Gesten. Laute Rufe. Heimliche Blicke. Im Meerwasserbad von Hermigua ist Brunftzeit. Der Reisende bekommt ein Best of Summer-of-Teenage-Love-Remembrance und ist versucht, dauernd „Vorsicht!“ zu rufen. Das Schwimmbad ist ein ehemaliger Hafen, an dem Bananen verschifft wurden. Das ummauerte Becken, in dem einst die Bananen vor der Verschiffung gewaschen wurden, dient den Erwachsenen als kühlende Erfrischung. Die Brandung drumrum gilt den heranwachsenden Jungen und Mädchen als Showbühne für Sixpackbäuche, kaum verhüllte sekundäre Geschlechtsmerkmale und für waghalsige Sprünge in die Brandung zwischen schroffen Felsen. Dass sich das Wasser an dieser Stelle nicht täglich rot färbt, grenzt an ein Wunder. Aber die Jungen und Mädchen kennen ihr Revier,…
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Schwarze Skelette
Die Insel erholt sich. Wir sind am höchsten Punkt La Gomeras, auf dem Alto Garajonay. Vergangenes Jahr hat hier das Feuer gewütet. Die Leichenfinger der verbrannten Bäume schreien ihre Verzweiflung noch immer in die Weite. Aber sie geben nicht auf. Die schwarzen Skelette häuten sich, werfen ihre verbrannte Rinde ab und zeigen darunter junges, gesundes Holz. Zwischen den verkohlten Resten sprießt das Grün der Hoffnung. Die Forstwacht ist auf der Hut. Wenigstens im Jahr Eins nach der Katastrophe hat man hier für Kippen-aus-dem-Fenster-Schnipper und Wild-Griller kein Lächeln. Die Insel braucht Ruhe.
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Einfach nur Urlaub
Okay, Wetter ist diesig, will sagen, da sind so Wolken vor der Sonne, also ein paar … eher Schäfchenwolken so und ist ziemlich heiß heute und ich mag mich nicht dem ProgrammmachenumdesProgrammmachenwillens-Programm anschließen, das heute wenigstens einen Besuch am Strand vorsieht, weil: Ich hab noch hundert Seiten zu lesen in einem extreeem spannenden Buch. Aber „am Strand lesen“ und ich, das sind unterschiedliche Welten. Lese ich auf dem Bauch, habe ich nach zehn Minuten Rückenschmerzen. Lese ich auf dem Rücken, kann ich das Buch nach zehn Minuten nicht mehr über mir halten. Lese ich auf der Seite, den Kopf in die Hand gestützt … schläft meine Hand ein (und nicht…
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Heim und Herd
Wir leben auf drei Stockwerken in einem in den Hang gebauten Haus. Die Bauweise ist typisch für die zahlreichen Barrancos von La Gomera, wo ebenes Bauland selten ist. Oben wohnen Britta, Reinhard und P., unten ich und in der Mitte findet unsere Wohngemeinschaft mit schwätzen, kochen, Phase-10-spielen und dösig sonnen statt. Jede Ebene unseres Hauses hat ihren eigenen Zugang, so kann man sich bei Bedarf aus dem Weg gehen. Im allgemeinen wird das Haus auch nicht an eine Partei vermietet, sondern an zwei bis drei. Deshalb verfügen wir über zwei Küchen, zwei Waschmaschinen, drei Bäder und drei Sonnenterrassen mit unverbautem, direktem Blick an den Strand von La Playa – zu…
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Die Wale bleiben auf Abstand
Nachdem ich heute Morgen schon einem Gecko das Leben gerettet habe, kann ich meinem Ein-guter-Tag-für-die-Fauna-Tag ein weiteres Sternchen hinzu fügen. Wir sind auf Whale watching und es gelingt mir, einen leeren Bierkasten aus dem Meer zu ziehen. Später fischen wir noch halbe Toilettenkästen und allerlei Verknotetes aus dem Wasser. Die Wale und Delfine, deretwegen wir eigentlich gekommen sind, halten Abstand. Knapp unterm Horizont sehen wir ein paar Finnen, aber näher ran lassen die Tiere uns nicht. Kann ich verstehen bei dem ganzen Scheiß, den die Wesen auf den Oberwasserschwimmzeugen ins Wasser werfen. Warum soll man als Wal da winken kommen? Oder warum soll das einen Delfin zum Bugwellen-Tanz animieren?






















